Der Zugang zu Gesundheit ist ein Menschenrecht. Trotzdem ist Gesundheitsversorgung weltweit noch immer nicht gendergerecht ausgestaltet. Mädchen und Frauen haben vielerorts schlechtere Gesundheitschancen und einen unzureichenden Zugang zu medizinischer Versorgung. Hinsichtlich der Frauengesundheit besteht weiterhin massiver Nachholbedarf – national und global.
Besonders sichtbar wird das im Bereich der Geburtshilfe: Noch immer stirbt weltweit alle zwei Minuten eine Frau an Komplikationen rund um die Schwangerschaft und Geburt. Dabei wären viele dieser Todesfälle vermeidbar. Für mich gilt deshalb: Jede Schwangere soll gut versorgt und sicher gebären können – für die Gesundheit ihres Kindes und ihre eigene.
Als Berichterstatterin für Frauen- und globale Gesundheit sehe ich es als meine Aufgabe, diese Themen auf der politischen und parlamentarischen Agenda hochzuhalten. Während Deutschland im Bereich Geburtsversorgung und Frauengesundheit noch viel von anderen Ländern lernen kann, muss Deutschland auch seiner globalen Verantwortung gerecht werden und sich stärker für globale Solidarität und gerechte Gesundheitschancen einsetzen. Dabei sind mir drei Schwerpunkte besonders wichtig: die stärkere politische Verankerung globaler Gesundheit als ressortübergreifende Aufgabe, eine verlässliche internationale Zusammenarbeit und Finanzierung sowie ein besonderer Fokus auf Frauengesundheit, seelische Gesundheit und die Auswirkungen der Klimakrise auf Gesundheitssysteme weltweit.
Frauengesundheit muss global konsequent vorangetrieben werden
Bei der globalen Frauengesundheit wurden in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Fortschritte erzielt. So ist die weltweite Müttersterblichkeit seit dem Jahr 2000 deutlich gesunken. Dennoch reichen die bisherigen Erfolge bei weitem nicht aus, um die internationalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) bis 2030 zu erreichen. Die Müttersterblichkeit liegt weiterhin fast dreimal so hoch wie das vereinbarte Ziel. Gleichzeitig erlebt mindestens jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt, und weltweit erfährt laut WHO etwa jede vierte Frau, die als Teenager eine Beziehung führt, Gewalt durch ihren Partner.
Ein zentrales Problem bleibt der sogenannte Gender Health Gap. Obwohl Frauen die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen und häufig die Gesundheitsentscheidungen für ihre Familien treffen, wird ihre Gesundheit noch immer als Nischenthema behandelt. Frauen leben im Durchschnitt länger als Männer, verbringen jedoch mehr Lebensjahre in schlechter Gesundheit.
Über Jahrzehnte orientierten sich medizinische Forschung und klinische Standards vor allem am männlichen Normkörper. Die Folge: Erkrankungen, die Frauen besonders oder anders betreffen, werden häufig zu spät erkannt, unzureichend erforscht oder nicht ernst genug genommen. Das betrifft beispielsweise Endometriose, Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt, das prämenstruelle Syndrom oder die Menopause. Gemessen an ihrer gesellschaftlichen Bedeutung bleibt die Frauengesundheit weltweit einer der am stärksten unterfinanzierten Bereiche im Gesundheitswesen.
Auch bei der sexuellen und reproduktiven Gesundheit bestehen große Herausforderungen. Fast die Hälfte aller Schwangerschaften weltweit ist ungewollt und alle zwei Sekunden bringt eine Frau in einer Gesundheitseinrichtung ein Kind zur Welt, in der weder sauberes Wasser noch angemessene sanitäre Bedingungen vorhanden sind.
Gleichzeitig dürfen wir Gesundheit nie isoliert betrachten. Armut, soziale Ungleichheit, Bildungszugang, Schuldenkrisen oder die Folgen der Klimakrise beeinflussen Gesundheit maßgeblich. Besonders Frauen sind von diesen Faktoren betroffen. Viele Länder geben laut Schuldenreport 2025 mehr für Zinsen und Tilgung als für Bildung und Gesundheit aus, und das trifft insbesondere die Gesundheit von Frauen.
Die globale Gesundheitslage steht derzeit aber unter erheblichem Druck. Immer mehr Staaten ziehen sich aus ihrer multilateralen Verantwortung zurück – politisch wie finanziell. Gleichzeitig belasten Klimakrise, geopolitische Konflikte und autoritäre Entwicklungen Gesundheitssysteme weltweit.
Besonders problematisch sind die aktuellen Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe – auch von Seiten Deutschlands. Der Rückzug wichtiger Geberstaaten hinterlässt große Finanzierungslücken. Die Folgen zeigen sich bereits heute in geschwächten Gesundheitssystemen, fehlenden Versorgungsangeboten und eingeschränkten Präventionsmaßnahmen. Besonders betroffen sind Frauen und Mädchen, die ohnehin häufiger von Armut und Benachteiligung betroffen sind.
Hinzu kommt ein zunehmender Angriff auf Frauenrechte und sexuelle sowie reproduktive Rechte. Weltweit erleben wir das Erstarken rechter und autoritärer Kräfte, die Gleichstellungspolitik infrage stellen und Vielfalt ablehnen. Der Zugang zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch wird vielerorts wieder eingeschränkt – auch hier bei uns in Deutschland besteht dringender Handlungsbedarf. International beobachten wir ebenfalls besorgniserregende Entwicklungen. Förderprogramme für Gleichstellung, Diversität sowie sexuelle und reproduktive Rechte werden gekürzt oder eingestellt. In internationalen Verhandlungen versuchen einzelne Staaten immer wieder, bereits erreichte Fortschritte bei der Gleichstellung zurückzudrängen. Das gefährdet nicht nur Frauenrechte, sondern auch den Zugang zu Gesundheitsversorgung.
Gleichzeitig wirken patriarchale Strukturen in Politik, Wissenschaft und Gesundheitssystemen fort. Die Folgen reichen von der Bagatellisierung weiblicher Beschwerden über die Unsichtbarmachung von Gesundheitsproblemen bis hin zu Fehldiagnosen und Versorgungslücken.
Antifeministische Bewegungen, die derzeit weltweit Auftrieb erhalten, bremsen dringend notwendige Fortschritte hin zu mehr Gleichberechtigung – auch in der Medizin.
Deshalb müssen wir die erreichten Fortschritte stetig verteidigen und mit gebündelten Kräften uns dafür einsetzen, dass Frauengesundheit weiter ausgebaut und kontinuierlich vorangetrieben wird. Frauengesundheit ist kein Nischenthema. Frauengesundheit betrifft die Gesundheit der halben Weltbevölkerung. Letztlich aller Menschen, denn eine gute Betreuung und Versorgung rund um die Geburt, der Zugang zu Wissen, was zu einem gesunden Aufwachsen von Kindern beiträgt, wirkt sich auf die Gesundheit der gesamten Bevölkerung aus.
Worauf es jetzt ankommt
Wenn wir die globale Frauengesundheit nachhaltig verbessern wollen, brauchen wir entschlossenes politisches Handeln.
Dazu gehört zunächst eine stärkere Investition in Forschung und Versorgung. Die Finanzierung von Frauengesundheit muss sowohl in Deutschland als auch weltweit deutlich ausgebaut werden. Gleichzeitig müssen wir den Gender Health Gap systematisch schließen und die medizinische Forschung stärker an den Bedürfnissen von Frauen ausrichten.
Im Bereich der Geburtshilfe braucht es eine Stärkung der Geburtsversorgung und insbesondere der Hebammenarbeit. Die Einführung eines Geburtenregisters ist essenziell, Versorgungslücken besser zu erkennen und gezielt zu schließen. Darüber hinaus müssen psychische Belastungen rund um Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach erkannt und adäquate Versorgungsangebote ausgebaut werden. Die Versorgung im Bereich der Maternal Mental Health braucht dringend mehr Aufmerksamkeit.
Die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ist überfällig! Und auch die Versorgungslage bei Schwangerschaftsabbrüchen muss endlich gebessert werden. Der sichere Zugang und Versorgungssicherheit müssen für alle Frauen gewährleistet sein. Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte sind ein zentraler Bestandteil von Gesundheitsversorgung und Selbstbestimmung.
Darüber hinaus müssen wir Gesundheit umfassender denken. Der Ansatz „Health in All Policies“ macht deutlich, dass politische Entscheidungen in allen Bereichen Auswirkungen auf Gesundheit haben. Armut, soziale Ungleichheit, Konflikte, Pandemien, Naturkatastrophen oder die Klimakrise beeinflussen die Gesundheit von Frauen unmittelbar. Deshalb müssen diese Determinanten stärker in den Mittelpunkt politischer Entscheidungen rücken.
Im Kern: es braucht einen konsequenten Abbau patriarchaler Strukturen in Politik und Gesundheitswesen. Mehr Frauen in Beratungs- und Entscheidungsgremien, in Fachgesellschaften, Verbänden und Institutionen – auf allen Ebenen, von der Kommune bis zur internationalen Ebene – sorgen dafür, dass Perspektiven von Frauen gleichberechtigt berücksichtigt und politische Prioritäten gerechter gesetzt werden.
Globale Frauengesundheit ist eine Frage von Gerechtigkeit, Menschenrechten und auch von zukunftsfähigen Gesellschaften. Wer Gesundheitssysteme stärkt, Frauenrechte schützt und Gleichstellung fördert, investiert in Teilhabe, Stabilität und stärkt demokratische Gesellschaften weltweit.
Dazu haben ich mit der Pharmazeutischen Zeitung gesprochen, die Podcastfolge „Nachgefragt“ kann hier angeklickt werden:
https://pz-nachgefragt.podigee.io/207-neue-episode?utm_source=chatgpt.com
Unseren Antrag „Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen sichern“ und zentrale Forderungen könnt ihr hier nachlesen:
Unsere kleine Anfrage zur „Geburtshilfe und Hebammenversorgung in Deutschland“ kann hier aufgerufen werden:
https://kappert-gonther.de/neuigkeiten/geburtshilfe-und-hebammenversorgung/

