Anerkennung und Autonomie: Warum Gleichberechtigung im Sport notwendig ist
Die Olympischen Winterspiele sind eine der größten Bühnen für sportliche Höchstleistung. Die Athlet*innen bereiten sich jahrelang mit größter Disziplin auf die Spiele vor, immer mit dem Ziel vor Augen, die beste Leistung zu erbringen. Doch auch bei diesen Winterspielen wurde deutlich, dass für Frauen im Spitzensport noch immer andere Maßstäbe gelten: Statt die sportliche Leistung zu bewerten, wurden weibliche Körper bewertet, Körperrealitäten abgesprochen oder als Ausreden tabuisiert. Das ist Sexismus. Und zeigt: von Gleichberechtigung kann noch immer nicht die Rede sein.
Ein Beispiel: die Kür der georgischen Eiskunstläuferin Anastasiia Gubanova. Sie erbrachte ihre persönliche Bestleitung und blickte sichtbar stolz in die Kamera. Doch statt die sportliche Exzellenz der Athletin in den Mittelpunkt zu stellen, erklärte der Kommentator: „Meine Herren, sie ist leider bereits vergeben.“ Mit diesem Satz verschob er den Fokus: weg von Präzision, Ausdruck und Höchstleistung der Sportlerin, weg vom Subjekt einer herausragenden Sportlerin hin zu einer potenziellen Partnerin für das männliche Publikum.
Was hier sichtbar wird, ist kein Einzelfall, sondern ein Muster: Selbst oder gerade wenn Frauen erfolgreich sind, werden sie zusätzlich – oft zuvörderst – nach Attraktivität und Beziehungsstatus bewertet. Das verschiebt die Wahrnehmung von Kompetenz hin zu äußerer Zuschreibung. Von Subjekt zur Objektivierung. Sprache ist Macht. In diesem Beispiel entscheidet Sprache darüber, ob eine Frau als Leistungsträgerin wahrgenommen oder zum Objekt männlicher Betrachtung degradiert wird.
Die erfolgreichste Skifahrerin unserer Zeit Eileen Gu wurde tatsächlich von einem männlichen Reporter gefragt, nachdem sie erneut zweimal Silber gewonnen hatte, ob sie nicht „Gold verloren“ habe – schließlich hatte sie vier Jahre zuvor Gold geholt. Sie reagierte äußerst souverän, und ich habe ihre Antwort sehr gefeiert. Die Frage selbst zeigt jedoch, dass nicht einmal herausragende Leistungen angemessen gewürdigt werden.
Auch der Umgang mit der deutschen Skispringerin Agnes Reisch zeigt wie respektlos über weibliche Körper gesprochen und geurteilt wird. Agnes Reisch sprach offen über ihre Menstruationsbeschwerden und entschied sich aufgrund starker Schmerzen, auf ihren letzten Trainingssprung zu verzichten. Statt diese Entscheidung als Ausdruck professioneller Selbstfürsorge zu respektieren, sah sie sich in sozialen Medien mit massiver Kritik konfrontiert. Ihre Schmerzen wurden als „Ausrede“ abgetan, ihr wurde nahegelegt, die Pille zu nehmen, um ihre Periode dem Trainingsplan unterzuordnen – trotz der zahlreichen möglichen Nebenwirkungen und ihres Selbstbestimmungsrechts. Gaslighting körperlicher Realität von Frauen.
In diesen Situationen wird Frauen im Sport die Autonomie über ihren Körper und ihre Leistung abgesprochen. Ihre Körper werden fremdbewertet und sexualisiert, oder fremdreglementiert und in ihrer Realität infrage gestellt. Die strukturelle Botschaft hinter beiden Beispielen ist gleich: Der weibliche Körper gehöre nicht der Athletin selbst.
Frauengesundheit im Sport ist kein Nischenthema, sondern eine politische Strukturfrage. Es geht nicht um eine Sonderbehandlung von Frauen, sondern um gleiche Maßstäbe. Sportmedizin und Trainingslehre sind historisch überwiegend am männlichen Körper ausgerichtet. Zyklusbasierte Trainingsansätze sind noch immer nicht flächendeckend etabliert. Erkrankungen, wie Endometriose sind untererforscht, der sogenannte Gender Health Gap zeigt sich auch im Leistungssport mit deutlichen Lücken. Gleichzeitig reproduziert die mediale Berichterstattung weiterhin Geschlechterstereotype, indem das Aussehen, der Beziehungsstatus oder die Reproduktionsfähigkeit von Frauen stärker gewichtet wird als ihre sportliche Leistung.
Solange sich daran nichts ändert, ist Gleichstellung im Spitzensport nicht erreicht. Die beiden Beispiele sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es ist Zeit, die strukturellen Lücken zu schließen – im Sport, in der Medizin, in der Berichterstattung und in unseren Denkmustern. Denn echte Gleichberechtigung im Spitzensport misst sich nicht an Medaillen, sondern daran, ob Frauen selbstverständlich als das gesehen werden, was sie sind: leistungsstarke Athletinnen mit einem Körper, der ihnen selbst gehört.

