Sexismus im Gesundheitswesen ist kein Ausrutscher, kein „bedauerlicher Einzelfall“ und auch kein Missverständnis. Er ist strukturell – und genau deshalb so wirkmächtig. Wer übergriffiges Verhalten, sexistische Kommentare oder die systematische Benachteiligung von Frauen im Gesundheitswesen noch immer als individuelles Problem abtut, verkennt die Realität eines Systems, das patriarchale Machtverhältnisse nicht nur abbildet, sondern täglich reproduziert.

Wie tief das Problem reicht, zeigt sich in diesen Tagen auf dem Deutschen Ärztetag in Hannover. Mehrere Medizinstudentinnen berichteten dort öffentlich von sexualisierten Übergriffen und Belästigungen während der Veranstaltung: Kommentare über ihr Aussehen und ihre Kleidung, Hände auf Rücken und Gesäßen, Einladungen auf Hotelzimmer. Es war kein anonymer Aufschrei, sondern eine öffentliche Intervention mitten im Zentrum der ärztlichen Selbstverwaltung. Die jungen Frauen machten deutlich, dass sie sich bewusst nicht als „Einzelfälle“ darstellen, sondern auf ein systemisches Problem aufmerksam machen wollten. Diese jungen Frauen haben enormen Mut bewiesen. Und sie bekamen dafür Standing Ovations von der gesamten Versammlung. Ebenso wichtig war die Reaktion der Bundesärztekammer. Der BÄK-Präsident Dr. Klaus Reinhardt zeigte sich erschüttert und erklärte, ein solches Verhalten widerspreche fundamental den Werten des ärztlichen Berufs. Schutzkonzepte, Selbstverpflichtungen und Compliance-Regeln sollen nun erarbeitet werden. Außerdem soll sich der nächste Deutsche Ärztetag ausführlich mit Machtmissbrauch und Übergriffen in der Medizin beschäftigen, dafür stimmten die Delegierten mit großer Mehrheit.

Die meisten Frauen im Gesundheitswesen kennen solche Situationen. Viele schweigen darüber. Manche verdrängen sie. Andere haben gelernt, dass Beschwerden oft folgenlos bleiben. Eine aktuelle Studie des Uniklinikums Würzburg macht das auf erschütternde Weise sichtbar. Rund 5.600 Personen an 44 medizinischen Fakultäten in Deutschland wurden befragt. 42 Prozent gaben an, mindestens einmal während ihres Studiums sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Im Praktischen Jahr stieg die Zahl bei Studentinnen auf 74 Prozent. Die Studienautorin Sabine Drossard formulierte es klar: „Sexuelle Belästigung im Medizinstudium ist definitiv mehr als eine individuelle Erfahrung: Sie ist Ausdruck institutionalisierter Machtdynamiken.“

Diese Zahlen betreffen nicht einzelne Kliniken, sondern ganz Deutschland. Sie zeigen ein strukturelles Problem in unserem Gesundheitssystem auf und wer einmal in diesem System gearbeitet hat, überrascht diese Erkenntnis leider nicht. Denn Sexismus beginnt selten erst beim offenen Übergriff. Er steckt in den alltäglichen Abwertungen, in Rollenbildern und Machtstrukturen.

Fragt man Ärztinnen oder Pflegekräfte im direkten Umfeld, so können alle von solchen Situationen berichten. Situationen, die oft bagatellisiert wurden. Situationen, die angeblich „einfach dazugehören“.

Viele Betroffene wissen bis heute nicht, wo sie Übergriffe melden können oder erleben, dass Meldungen folgenlos bleiben. Auch das zeigt die Würzburger Studie deutlich. Prävention, klare Meldewege und verlässliche Schutzstrukturen dürfen deshalb keine freiwilligen Zusatzangebote sein. Sie sind Voraussetzung für ein sicheres Arbeits- und Lernumfeld.

Und patriarchale Strukturen betreffen nicht nur Beschäftigte. Das Patriarchat schadet allen Menschen. Sie prägen auch die Versorgung.

Wer in Fachgesellschaften, Leitlinienkommissionen oder Führungspositionen sitzt, entscheidet mit darüber, welche Perspektiven sichtbar werden. Wenn Gremien und Entscheidungsorgane nicht paritätisch besetzt sind, dann fehlen diese Perspektiven. Dann werden Bedürfnisse nicht gleichermaßen wahrgenommen und priorisiert. Das sehen wir beispielsweise in der Geburtshilfe, die über Jahrzehnte oft stärker an Kliniklogiken als an den Bedürfnissen Gebärender ausgerichtet wurde. Und wir sehen es beim weiterhin stark heteronormativen Verständnis von Gesundheit, das queere Menschen systematisch unsichtbar macht oder ihre Bedarfe nicht ausreichend berücksichtigt.

Eine gerechte Gesundheitsversorgung braucht Vielfalt in Verantwortung.

Darum ist die Einführung der Quoten für die Entscheidungsgremien im Gesundheitssystem ein so nachhaltiger politischer Erfolg, auf den ich durchaus stolz bin.

Es ist auch wichtig, dass sich immer mehr Männer öffentlich gegen patriarchale Gewalt positionieren. Die Demonstrationen des Bündnisses „Männer gegen Gewalt“ in Berlin an Himmelfahrt waren dafür ein gutes Beispiel. Statt Alkoholrituale und traditionelle Männlichkeitsinszenierungen zu feiern, ging es dort um Verantwortung, Solidarität mit FLINTA*-Personen und den Kampf gegen Sexismus und Gewalt. Das ist ein positives Signal. Aber natürlich reicht Symbolpolitik allein nicht aus. Entscheidend ist, ob daraus strukturelle Veränderungen folgen. Denn Sexismus verschwindet nicht dadurch, dass wir ihn heute besser benennen können. Aber Sichtbarkeit ist ein wichtiger Anfang.

Das Gesundheitssystem bleibt von gesellschaftlichen Machtverhältnissen nicht verschont. Im Gegenteil: Hier treffen Hierarchien, Abhängigkeiten und traditionelle Rollenbilder besonders hart aufeinander. Umso wichtiger ist es, dass Betroffene heute lauter werden, dass Frauen sich nicht mehr einschüchtern lassen und dass Institutionen endlich Verantwortung übernehmen.

Eine gerechte Gesellschaft wird es nur ohne patriarchale Strukturen geben. Und eine gerechte Gesundheitsversorgung ebenso.