Durch unseren Antrag „Psychotherapeutische Versorgung strukturell stärken“ haben wir zuletzt auf den Handlungsbedarf in der psychotherapeutischen Versorgung aufmerksam gemacht. Gleichzeitig steht auch die psychiatrische Versorgung seit Jahren unter Druck obwohl sie eine unverzichtbare Säule der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen darstellt.
Immer mehr Menschen brauchen Unterstützung, doch die Versorgungslücken wachsen. Die Fallzahlen in psychiatrischen Kliniken steigen, die Zahl der Betten wächst und die Ausgaben für die stationäre psychiatrische Versorgung nehmen weiter zu. Das ist ein deutliches Warnsignal für den zunehmenden Druck auf das System und kommt einem Hilferuf aus der Psychiatrie gleich. Mit einer Kleinen Anfrage zum Reformbedarf in der psychiatrischen Versorgung haben wir die Bundesregierung am 19. Mai gefragt, wie sie auf diese Entwicklung reagieren will. Die Antwort ist ernüchternd: Die Bundesregierung hat weder Plan noch Konzept, wie die psychiatrische ambulante und stationäre Versorgung zukunftsfest aufgestellt werden soll.
Besonders alarmierend ist die Situation bei Kindern und Jugendlichen. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Kinder- und Jugendpsychotherapie wurde 2023 ein Höchststand unbesetzter Sitze erreicht, bei Psychiater*innen folgte 2024 der nächste Höchstwert.
Dabei zeigt sich ein grundlegendes Problem: Wenn ambulante Hilfen fehlen oder nicht rechtzeitig verfügbar sind, kommt es häufiger zu vermeidbaren und teuren stationären Behandlungen. Für viele Betroffene bedeutet das oft eine Verschlechterung oder Chronifizierung der Erkrankungen, für das Gesundheitssystem höhere Kosten.
Rund 80 Prozent für die Versorgung psychisch erkrankter Menschen werden für stationäre Behandlungen ausgegeben, obwohl dort weniger als 20 Prozent der Menschen mit psychischen Problemen behandelt werden. Diese Schieflage muss dringend behoben werden.
Aus meiner Sicht braucht es einen grundlegenden Kurswechsel. Der weitere Ausbau von Betten in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken widerspricht dem Ziel, Versorgung stärker gemeindenah zu organisieren und Menschen möglichst in ihrem gewohnten Lebensumfeld zu unterstützen. Genau diesen Weg empfiehlt auch die Weltgesundheitsorganisation.
Modellprojekte zeigen seit Jahren, dass flexible Versorgungsformen funktionieren. Sie ermöglichen mehr Behandlungskontinuität, vermeiden Fehlversorgung und können die Versorgung sowohl für Patient*innen als auch aus gesundheitsökonomischer Sicht verbessern. Die Potenziale von Ambulantisierung, stationsäquivalenter Behandlung und innovativen Versorgungsmodellen werden jedoch weiterhin nicht ausgeschöpft. Stattdessen setzen starre Vergütungsstrukturen erfolgreiche Ansätze zusätzlich unter Druck.
Die einzige konkrete und wichtige Maßnahme, die die Bundesregierung in Aussicht stellt, ist die Reform der Bedarfsplanung für Kinder und Jugendliche in der Psychotherapie. Das ist richtig und notwendig. Doch angesichts der dramatischen Entwicklung stellt sich die Frage: Worauf wartet die Bundesregierung eigentlich noch?
Psychische Gesundheit braucht endlich politische Priorität. Wir brauchen eine Versorgung, die stärker vernetzt, flexibler und bedarfsgerechter ist. Nur so verhindern wir, dass Menschen durch das Versorgungssystem fallen.
Unsere Kleine Anfrage „Reformbedarf in der psychiatrischen Versorgung“ findet ihr hier:
https://dip.bundestag.de/vorgang/reformbedarf-in-der-psychiatrischen-versorgung/335041
Die Antworten der Bundesregierung werden dort in Kürze ebenfalls veröffentlicht.
Die ZEIT hat über unsere kleine Anfrage und den Reformbedarf in der psychiatrischen Versorgung berichtet (Bezahlartikel):

