Auf einer Wahlkampfveranstaltung hat Bundeskanzler Friedrich Merz den durchschnittlichen Krankenstand von rund 14,5 Tagen infrage gestellt und gefragt, ob „das wirklich notwendig ist“? Diese Aussage ist nicht nur unsensibel – sie ist politisch gefährlich. Denn sie lenkt vom eigentlichen Problem ab und stellt Millionen Beschäftigte unter Generalverdacht.

Laut Statistischem Bundesamt waren Beschäftigte 2024 im Schnitt 14,8 Tage krankgeschrieben – rund 3,6 Tage mehr als 2021. Dieser Anstieg lässt sich aber vor allem erklären, nicht skandalisieren. Durch die digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung werden Krankheitszeiten heute vollständiger erfasst. Das bestätigt zum Beispiel die AOK. Von massenhaftem Missbrauch durch telefonische Krankschreibungen kann keine Rede sein – sie machen nur einen Bruchteil der Fälle aus.

Wer trotzdem von fehlender Arbeitsmoral spricht, verkennt die Realität in den Betrieben. Viele Menschen arbeiten bis zur Erschöpfung – besonders in der Pflege, im Gesundheitswesen und in der Produktion. Psychische Erkrankungen nehmen zu, weil Arbeitsverdichtung, Personalmangel und Dauerstress krank machen. Das ist kein Bauchgefühl, das zeigen die Zahlen.

Auch bei uns in Bremen ist der Krankenstand hoch: Versicherte der Techniker Krankenkasse waren im ersten Halbjahr 2025 durchschnittlich 9,68 Tage krankgeschrieben – fast unverändert zum Vorjahr. Hauptursachen sind Erkältungskrankheiten, aber direkt dahinter folgen psychische Erkrankungen, wie Depressionen und Angststörungen. Das ist ein Alarmsignal.

Statt Beschäftigte zu belehren, müssen wir endlich über Ursachen sprechen. Deutschland ist bei Prävention erschreckend schlecht aufgestellt: Im neuen Public-Health-Index von AOK und Deutschem Krebsforschungszentrum zeigt sich, dass Deutschland bei Prävention etwa so abschneidet, wie beim Eurovision Songcontest – wir landen auf dem letzten oder vorletzten Platz. Beim Public-Health-Index liegt Deutschland auf Platz 17 von 18 in Nord- und Zentraleuropa. Das ist beschämend. Besonders schlecht schneiden wir in den Bereichen Tabak, Alkohol und Ernährung ab. Das ist ein politisches Versagen.

Gesundheit entsteht im Alltag:
Wie wir arbeiten, wohnen, uns fortbewegen und ob wir soziale Sicherheit erleben, das hat Einfluss auf unsere Gesundheit. Die Klimakrise macht uns krank. Mehr Allergien, mehr Hitzetote und mehr Angststörungen sowie Depressionen sind nachweislich auf die Klimakrise zurückzuführen. Die Art wie wir Städte bauen, hat Auswirkungen auf unsere körperliche und mentale Gesundheit.

Darum ist klar:
Wer den hohen Krankenstand beklagt, muss Prävention stärken, Arbeitsbedingungen verbessern, mentale Gesundheit ernst nehmen und für eine flächendeckende Versorgung sorgen – etwa durch eine faire Finanzierung von Psychotherapeut*innen in Weiterbildung. Wir brauchen Orte der Begegnung, besseren Arbeitsschutz und ein Gesundheitswesen, das vorbeugt, statt zu reparieren.

Die eigentliche Frage lautet also nicht: „Ist das wirklich notwendig?
Sondern: Warum lassen wir zu, dass so viele Menschen krank werden – und was tun wir dagegen?