Handeln, statt zögern: Strukturreformen für ein stabiles, nachhaltiges Gesundheitswesen
Deutschland gibt verhältnismäßig viel Geld für sein Gesundheitssystem aus, die Qualität ist aber nur mittelmäßig. Die Lebenserwartung liegt im europäischen Mittelfeld, der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist vielerorts nicht mehr gesichert, Menschen mit geringeren Teilhabechancen haben einen besonders schlechten Zugang zum Versorgungssystem. Der Gender Health Gap ist beträchtlich, der psychische Hilfebedarf übersteigt das Angebot um Längen.
Der Reformdruck ist immens – und er wächst immer weiter. Bereits für das Jahr 2027 wird ein Defizit von 15,3 Milliarden Euro erwartet. Bis 2030 könnte diese Lücke auf rund 40 Milliarden Euro anwachsen. Ohne entschlossenes Gegensteuern, kann dieses Finanzloch nicht gestopft werden und es würde in immer höheren Beitragssätzen münden. Zusammen mit den Beiträgen für die Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung würde dies Sozialabgaben von nahezu 50 Prozent bedeuten. Ein Szenario, dass nicht nur die Bürger*innen massiv belasten würde, sondern auch den Arbeitsmarkt und die wirtschaftliche Entwicklung weiter gefährden würde – das ist zudem demokratierelevant.
Zudem wissen wir aus Umfragen, dass in Regionen, in denen der Zugang zur Gesundheitsversorgung – wie Haus- und Kinderärzt*innen oder guter Pflege – die Zustimmung zu rechtsextremen Parteien steigt.
Jeden Tag geben die gesetzlichen Krankenkassen mehr als eine Milliarde Euro für die Versorgung aus. Das ist eine enorme Summe. Mehr Geld führt aber nicht automatisch zu besserer Versorgung. Deutschland gehört zu den Ländern mit den höchsten Gesundheitsausgaben. Doch diese hohen Investitionen in unser Gesundheitswesen spiegeln sich nicht in der Qualität der Versorgung oder in besseren Behandlungsergebnissen wider. Ein Gesundheitssystem, das bei wachsendem Mitteleinsatz keine angemessene Qualität liefert, ist nicht zukunftsfähig.
Das Problem ist kein Geldmangel. Das Problem ist, wie dieses Geld eingesetzt wird. Immer weiter steigende GKV-Beiträge sind weder gerecht noch nachhaltig. Es ist genug Geld im System vorhanden, es muss endlich zielgerichteter eingesetzt werden. Denn die Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung ist eine zentrale Zukunftsfrage, die weit mehr als eine gesundheitspolitische Frage ist. Es geht dabei um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit auch um unsere Demokratie.
Die FinanzKommission Gesundheit hat 66 Empfehlungen mit einem Einsparpotenzial von mehr als 40 Milliarden Euro vorgelegt, die eine fundierte und umfassende Grundlage bilden, um daraus eine Reform zu schnüren. Und mehr noch, nicht nur eine Stabilisierung des GKV-Systems kann so erreicht werden, sondern die Kassenbeiträge könnten sogar bis zu 2% abgesenkt werden.
Aber die Ministerin nutzt die Chance nicht! Die Vorschläge der Ministerin haben im Gegensatz zu dem Paket der Finanzkommission eine enorme Unwucht, es ist ein unausgewogenes Sparpaket und eine vertane Reformchance in einer der zentralen Zukunftsfragen unseres Landes. Statt das strukturelle Finanzierungsproblem der gesetzlichen Krankenversicherung anzugehen, werden Beitragszahlende und Betriebe belastet, während sich die Ministerin vor den großen Kostentreibern und einflussreichen Lobbyinteressen wegduckt.
Besonders problematisch ist, dass zentrale Hebel für Entlastung und Prävention bewusst liegen gelassen werden – von wirksamen Maßnahmen bei Arzneimittelkosten bis hin zu gesundheitspolitisch sinnvollen Abgaben auf Tabak, Alkohol und Zucker. Die gesellschaftliche Debatte ist schon viel weiter: Prävention ist das Gebot der Stunde. Die Kommission macht sehr konkrete Vorschläge die Steuern auf Alkohol, Tabak und Zucker zu erhöhen und diese Einnahmen direkt dem Gesundheitssystem zukommen zu lassen. Das würde Krankheitslast reduzieren und die GKV stabilisieren. Statt dieses win-win zu nutzen, vermeidet die Ministerin die Auseinandersetzung mit diesen Lobbygruppen zu Lasten der Gesundheit.
Gleichzeitig werden gesamtgesellschaftliche Aufgaben wie die Finanzierung der Bürgergeldempfänger weiter einseitig den Beitragszahlern aufgebürdet. Steigende Beiträge sind kein Naturgesetz, sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen. Wer sich vor Konflikten mit starken Interessen scheut, wird die Finanzierung unseres Gesundheitssystems nicht nachhaltig sichern.
Die Bundesregierung hat angekündigt, dass sie am 29. April 2026 einen Gesetzentwurf im Kabinett beschließen und noch vor der politischen Sommerpause plant, das parlamentarische Beratungsverfahren abzuschließen. Klar ist schon jetzt: Bei diesen Vorschlägen kann es so nicht bleiben. Das sagen selbst die regierungstragenden Fraktionen von CDU/CSU und SPD. Es muss nachgebessert werden – und zwar gerechter!
Entscheidend wird sein, ob die Bundesregierung nun endlich das Durchhaltevermögen aufbringt, tiefgreifende Veränderungen auch tatsächlich durch- und umzusetzen. Es wäre fatal, wenn sie erneut vor Widerständen zurückweicht, wie bei der Verwässerung der notwendigen Krankenhausreform, durch die das Einsparpotenzial (und die Qualitätsverbesserung !) nicht gehoben werden konnte.
Es geht um mehr als nur Einsparungen. Es geht nicht darum, den Rotstift anzusetzen und Gelder wahllos zusammenzustreichen. Es geht um eine grundlegende Neuordnung unseres Gesundheitssystems. Es muss effizienter, gerechter und qualitativ besser werden. Dafür müssen nun alle an einem Strang ziehen und die Bereitschaft haben, bestehende Strukturen zu hinterfragen. Es ist nicht akzeptabel, dass jede Interessengruppe reflexartig erklärt, bei ihr könne nicht gespart werden. Wir können diese Aufgabe nur gemeinsam bewältigen. Ein funktionierendes Gesundheitssystem liegt im Interesse aller.
Das Ziel ist klar: Menschen sollen länger gesund leben können. Prävention muss gestärkt, Versorgung verbessert und besser koordiniert werden – evidenzbasiert, zugänglich und verlässlich. Dafür braucht es endlich mutige Strukturreformen:
Ein verlässliches Primärversorgungssystem, eine engere Zusammenarbeit über Sektorengrenzen hinweg und eine grundlegende Reform der Notfallversorgung sind längst überfällig. Ebenso notwendig ist die konsequente Umsetzung der Krankenhausreform sowie die Begrenzung der Arzneimittelpreise auf ein wirtschaftlich vertretbares Maß.
Besonders dringlich ist die Situation für Menschen in psychischen Krisen. Lange Wartezeiten und Versorgungsbrüche sind hier nicht nur ineffizient, sondern gefährlich. Wer Hilfe braucht, muss sie schnell, niedrigschwellig und passgenau erhalten. Dafür braucht es gezielte Reformen, die psychosoziale, psychotherapeutische und psychiatrische Angebote stärkt, enger miteinander vernetzt und konsequent an den Bedürfnissen der Patient*innen ausrichtet. Insbesondere für chronisch und schwererkrankte Menschen muss der Zugang zur Versorgung verbessert werden.
Es geht längst nicht mehr um Detailfragen oder kleinere Korrekturen. Es geht um nicht weniger als die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung und die nachhaltige Sicherung unseres Gesundheitssystems. Für über 75 Millionen gesetzlich Versicherte entscheidet sich, ob sie auch in Zukunft wohnortnah, gerecht und gut versorgt werden. Es geht um individuelle Gesundheitschancen und um die Sicherung unserer Demokratie.

