Eine Welt, in der wir das fördern, was der Seele guttut. Das war zentrale Botschaft in meiner Eröffnungsrede bei der diesjährigen Jahrestagung der Aktion Psychisch Kranke e.V. (APK) unter dem Motto „Verantwortung für seelische Gesundheit und Teilhabe – zwischen Personenzentrierung, Kostendruck und Ausgrenzung“.

Meine Rede könnt ihr hier nachlesen:

(c) Aktion Psychisch Kranke e.V.

 

Herzliche Willkommen, als Vorsitzende, für den gesamten Vorstand,

Peter Brieger, Mattias Rosemann, Katarina Stengler, Elke Prestin, Gudrun Weißenborn, Dirk Zedlik, Michael Kölch, Michael Rapp, Ingmar Steinhard, Dieter Grupp,

liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Mitglieder der Aktion Psychisch Kranke,
sehr geehrte Gäste,

herzlich willkommen zur Jahrestagung der Aktion Psychisch Kranke!

„Verantwortung für seelische Gesundheit und Teilhabe – zwischen Personenzentrierung, Kostendruck und Ausgrenzung“: Das ist ein sperriger  Titel. Und er beschreibt ein Spannungsfeld, in dem sich die Zukunft unserer psychiatrischen Hilfen und letztlich auch die Qualität unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens entscheidet.

Machen wir uns nichts vor:

Wir bauen unsere Welt auf eine Weise, die der Seele schadet.

Wir bauen Städte, in denen Menschen nebeneinander leben und sich immer seltener begegnen. Städte in denen Autos mehr werden und Einsamkeit auch. Wir haben ein Bildungssystem, das Menschen zu oft sortiert, bevor es ihnen hilft, die zu werden, die sie sein könnten. Wir haben Arbeitswelten, die Menschen überfordern, erschöpfen oder unterfordern. Arbeitswelten, in denen die Grenzen zwischen Arbeit und Leben verschwimmen und in denen Leistung nicht selten wichtiger erscheint als der Mensch, der sie erbringen soll.

Wir erleben mehr Aggression, mehr Wohnungslosigkeit und wachsende Ängste vor sozialem Abstieg. Die Sorge, den Alltag, die Miete, den täglichen Bedarf nicht mehr bezahlen zu können, ist für viele Menschen längst keine abstrakte Zukunftsangst mehr. Und wenn junge Menschen angesichts dieser Entwicklungen ihre Sorgen und ihre Wut artikulieren, sollten wir zunächst einmal ernst nehmen, was sie uns über ihre Zukunft erzählen. Statt sie vorschnell zu kriminalisieren.

Die Fähigkeit einer Gesellschaft zeigt sich auch darin, wie sie mit Verunsicherung, auch der Verunsicherung junger Menschen umgeht.

Was machen wir eigentlich gegenseitig mit unseren Seelen?

Das psychiatrische Hilfesystem steht unter enormem Druck. Weil psychische Erkrankungen und der Bedarf an Unterstützung zunehmen. Aber auch, weil sich gesellschaftliche Erwartungen und Verantwortlichkeiten verschieben.

Rund um die Psychiatrie-Enquete gab es eine gesellschaftliche Aufforderung: Macht eine unmenschlich gewordene Psychiatrie menschlicher! Öffnet die Türen. Achtet die Würde. Ermöglicht ein Leben außerhalb der Anstalten. Heute hören wir zunehmend eine andere Forderung aus der Mitte der Gesellschaft: Die Psychiatrie soll möglichst alles Elend dieser Welt lösen. Sie soll Gewalt und Aggression beseitigen, gesellschaftliche Konflikte befrieden und vor allem diejenigen Menschen, die als schwierig, störend oder gefährlich wahrgenommen werden, aus dem öffentlichen Raum entfernen. Das ist eine gefährliche Verschiebung.

Psychiatrie kann nicht reparieren, was eine Gesellschaft an sozialer, wirtschaftlicher und menschlicher Verantwortung vernachlässigt. Und sie darf nicht zur Institution werden, an die wir alles delegieren, was wir gesellschaftlich nicht mehr aushalten wollen.

Wie wäre es also, wenn wir die Perspektive umdrehen? Wie wäre es,  wenn wir nicht nur versuchen würden, eine überforderte Psychiatrie zu organisieren, sondern eine seelenfreundliche Gesellschaft zu bauen?

Eine Welt, in der wir das fördern, was der Seele guttut.

Was tut denn der Seele gut? Begegnung,Verbindung!

Erstens: die Verbindung mit uns selbst. Wir brauchen Sicherheit, ein Dach über dem Kopf, Möglichkeiten zur Selbstentfaltung. Kunst und Kultur. Eine Arbeit, die zu uns passt. Eine Schule, die uns beim Wachsen unterstützt, statt uns klein zu machen. Wir brauchen Orte, an denen wir nicht funktionieren müssen, um etwas wert zu sein.

Zweitens: die Verbindung mit anderen Menschen. Wir brauchen Begegnung. Dritte Orte. Bibliotheken, Parks, Grünflächen, öffentliche Räume. Städte für Menschen und nicht nur für Autos. Wir brauchen Gelegenheiten, uns zufällig zu begegnen, miteinander ins Gespräch zu kommen und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und wir müssen auch die Auswirkungen des Klimawandels auf die seelische Gesundheit ernst nehmen. Hitze belastet Körper und Psyche. Sie kann Stress und Aggression verstärken. Grünflächen und soziale Begegnungsräume sind deshalb nicht nur eine Frage der Stadtplanung, sondern auch eine Frage der Gesundheitsvorsorge.

Drittens: die Verbindung mit etwas, das über uns selbst hinausweist. Gemeinsame Überzeugungen, Engagement, Ehrenamt, demokratische Beteiligung. Das Gefühl, gebraucht zu werden und etwas bewirken zu können. Und dazu gehört selbstverständlich eine gute psychiatrische Versorgung. Eine Versorgung, die nicht ausgrenzt, sondern verbindet. Die Stigmatisierung abbaut, Selbstbestimmung stärkt und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.

Seelische Gesundheit entsteht nicht allein in den Kliniken und Praxen. Seelische Gesundheit entsteht im Alltag  – in den Verhältnissen, in denen Menschen leben.

Damit bin ich bei einer Entwicklung, die mir besondere Sorge macht: der gegenläufigen Dynamik der Entstigmatisierung. Auf der einen Seite sprechen wir heute selbstverständlicher über Depressionen, Ängste und psychische Belastungen. Das ist gut, das ist ein großer gesellschaftlicher Fortschritt. Auf der anderen Seite nehmen Vorbehalte und Stigmatisierung gegenüber Menschen mit schweren und chronischen psychischen Erkrankungen zu. Insbesondere dort, wo psychische Erkrankung und Gefährlichkeit in politischen und medialen Debatten immer wieder in einem Atemzug genannt werden. Menschen mit Psychosen, Suchterkrankungen oder schweren Persönlichkeitsstörungen erleben dadurch zusätzliche soziale Ausgrenzung. Sie werden nicht mehr zuerst als Menschen mit individuellen Bedürfnissen und Rechten wahrgenommen, sondern als potenzielles Risiko. Das schafft Teilhabebarrieren. Es erschwert Beziehungen, Wohnen, Arbeit und den Zugang zu Unterstützung.

Wie wir über Menschen in seelischer Not sprechen, entscheidet mit darüber, ob wir ihnen Türen öffnen oder vor ihnen verschließen. Das schadet den betroffenen Menschen. Und es schadet uns allen. Denn eine Gesellschaft, die Menschen nach ihrer vermeintlichen Normalität sortiert, verliert ihre Menschlichkeit. Wir sollten deshalb über das sprechen, was Menschen brauchen. Darüber, dass psychische Erkrankungen jeden Menschen treffen können. Und darüber, welche Unterstützung notwendig ist, damit Menschen auch mit schweren Erkrankungen ein selbstbestimmtes Leben führen und dazugehören können.

Psychische Hilfen sind keine Sonderleistung für eine kleine Gruppe. Psychische Hilfen sind eine Investition in die soziale Stabilität und Menschlichkeit unserer Gesellschaft.

Daraus folgt für mich eine klare Haltung: Wir dürfen auf gesellschaftlichen Druck zu mehr Zwang und Ausgrenzung nicht mit einer Kehrtwende antworten. Wir müssen Zwangsvermeidung, Menschenrechte und Schutzbedürfnisse zusammendenken. Wir müssen Gewaltprävention stärken und menschenwürdige Hilfen sichern. Weniger Zwang ist kein Weniger an Schutz. Weniger Zwang ist ein Mehr an Menschenwürde, Beziehung und professioneller Verantwortung! Wir wissen: Menschengerechte psychiatrische Hilfen, frühzeitige Unterstützung und verlässliche Beziehungen können Zwang vermeiden. Aber dafür müssen die Hilfen erreichbar sein, bevor eine Krise eskaliert. Dazu brauchen wir gut vernetzte, regional verankerte psychiatrische Hilfen. Wir brauchen Transparenz durch ein bundesweites Zwangsmonitoring. Wir haben mit den S3-Leitlinien zur Vermeidung von Zwang und dem gemeinsamen Zwangsvermeidungsprojekt von APK und BAG GPV wichtige fachliche Grundlagen. Jetzt geht es darum, sie konsequent in die Praxis zu bringen. Und wir müssen die Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetze der Länder daran messen, ob sie Hilfen und Zwangsvermeidung stärken – und uns wehren gegen eine problematische Verlagerung in Richtung Polizei und Ordnungsrecht.

Eine zweite zentrale Voraussetzung ist Transparenz über die Versorgungslage. Was wir nicht systematisch erfassen, können wir politisch nicht verlässlich verantworten. Wir brauchen eine kontinuierliche Psychiatrieberichterstattung auf Bundesebene. Eine belastbare Bestandsaufnahme darüber, welche Hilfen vorhanden sind, wen sie erreichen, wo Versorgungslücken bestehen und welche Menschen durchs Raster fallen. Der Bericht der Gesundheitsministerkonferenz übernimmt derzeit eine wichtige Ersatzfunktion. Aber eine dauerhaft verankerte Zuständigkeit des Bundes ist bislang nicht eindeutig gesichert. Die APK steht bereit, diesen Prozess fachlich zu unterstützen. Denn Verantwortung für seelische Gesundheit braucht Wissen, Transparenz und politische Verbindlichkeit.

Drittens müssen wir die psychiatrische Versorgung selbst weiterentwickeln. Die Handlungsempfehlungen der Psychiatriedialoge weisen dafür den Weg: mehr Flexibilität in der Krankenhausbehandlung, die Weiterentwicklung von § 64b, flexiblere stationsäquivalente Behandlung und eine Reform der psychiatrischen Institutsambulanzen. Wir brauchen niedrigschwellige ambulante Hilfen und einen schnellen Zugang zu psychiatrischer und psychotherapeutischer Unterstützung in Krisen. Wir brauchen intensive ambulante Komplexleistungen für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf. Und wir brauchen eine starke organisierte Selbstvertretung, die Einbeziehung von Angehörigen und anderen wichtigen Bezugspersonen.

Denn gute Versorgung bedeutet nicht, möglichst viel über Menschen zu entscheiden. Gute Versorgung schafft die Voraussetzungen dafür, dass Menschen möglichst viel selbst entscheiden können! Auch die Teilhabe muss dabei konsequent mitgedacht werden. Mit dem Teilhabeforum zur Weiterentwicklung der Teilhabeleistungen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ist ein wichtiger Prozess gestartet. Die beteiligungsorientierte Arbeitsphase unter Mitwirkung von Katarina Stengler und Ingmar Steinhart hat begonnen. Für Anfang 2028 werden die finalen Ergebnisse erwartet.

Es geht um zentrale Fragen: Wie ermöglichen wir Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung? Wie unterstützen wir soziale Teilhabe und selbstbestimmtes Wohnen? Wie fördern wir Bildung? Und wie schaffen wir integrierte Hilfen, die sich an den tatsächlichen Lebenslagen der Menschen orientieren?

Dabei muss eines klar sein: Teilhabe darf nicht das sein, was übrigbleibt, wenn die Behandlung abgeschlossen ist. Teilhabe ist kein Zusatzangebot zur Gesundheit. Teilhabe ist eine Voraussetzung für ein gutes Leben – und oft auch für seelische Gesundheit!

Meine Damen und Herren,

damit komme ich zurück zu unserem Tagungsthema: Verantwortung zwischen Personenzentrierung, Kostendruck und Ausgrenzung.

Gerade unter dem Druck knapper Ressourcen ist der personenzentrierte Ansatz aktueller denn je. Personenzentrierung bedeutet, nicht zuerst zu fragen, was unser System anbieten kann, sondern was ein Mensch tatsächlich braucht. Nicht zuerst zu fragen, in welche Zuständigkeit jemand fällt, sondern wie wir gemeinsam eine tragfähige Unterstützung organisieren. Nicht Menschen an die Grenzen unserer Systeme anzupassen, sondern unsere Systeme an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten. Das ist fachlich anspruchsvoll. Es kostet Ressourcen. Aber es ist auch die Voraussetzung dafür, dass Hilfen wirksam werden und Menschen nicht immer wieder an den Schnittstellen verloren gehen. Und es ist eine zutiefst demokratische Haltung.

Denn Selbstbestimmung, Freiheit und Teilhabe sind keine Privilegien derjenigen, die psychisch gesund, leistungsfähig und gesellschaftlich angepasst sind! Die Qualität einer Demokratie zeigt sich auch daran, dass sie Freiheit denjenigen sichert, die auf Unterstützung angewiesen sind.

Ich wünsche mir deshalb, dass wir diese Jahrestagung als gemeinsame Suchbewegung verstehen. Nicht als ein Treffen, bei dem wir nur die bekannten Probleme und Zuständigkeiten erneut beschreiben. Sondern als Gelegenheit, uns gemeinsam und durchaus selbstkritisch zu fragen: Wie gut begegnet unser Hilfesystem eigentlich den Bedürfnissen der Menschen, die unsere Unterstützung suchen? Wo ermöglichen wir Selbstbestimmung? Wo schaffen wir unbeabsichtigt neue Abhängigkeiten? Wo verhindern wir Ausgrenzung? Und wo müssen wir selbst unsere Routinen, unsere Strukturen und unsere Überzeugungen hinterfragen?

Lassen Sie uns dabei nicht den Mut verlieren, große Fragen zu stellen und konkrete Veränderungen einzufordern. Denn wir müssen uns nicht damit abfinden, dass unsere Gesellschaft Menschen krank macht und anschließend darüber diskutiert, ob sie die Kosten ihrer Unterstützung noch tragen kann!

Wir können anders bauen. Unsere Städte. Unsere Schulen. Unsere Arbeitswelten. Unsere sozialen Sicherungssysteme. Und unsere psychiatrischen Hilfen. Wir brauchen nicht nur eine Psychiatrie, die Menschen in einer schwierigen Welt auffängt. Wir brauchen eine Welt, in der Menschen weniger oft fallen! Das ist unser aller Aufgabe. Und es ist eine Aufgabe, für die sich die Aktion Psychisch Kranke mit ihrer fachlichen Kompetenz, ihrer menschenrechtlichen Haltung und ihrer politischen Stimme weiterhin einsetzen wird. Lassen Sie uns also gemeinsam an einer seelenfreundlichen Welt arbeiten. Einer Welt, in der Menschen nicht auf ihre Erkrankung reduziert werden. In der Hilfe erreichbar ist, bevor Verzweiflung zur Krise wird. In der Verschiedenheit nicht als Bedrohung, sondern als Teil menschlichen Lebens verstanden wird. Und in der jeder Mensch das Recht hat, dazuzugehören.

Ich wünsche uns eine inspirierende, kontroverse und ermutigende Jahrestagung.

Vielen Dank.