Hallo, ich bin Marlene und mache von Februar bis April 2026 ein Praktikum bei Kirsten Kappert-Gonther im Bundestag. Ab Herbst würde ich gerne Psychologie studieren, weshalb mir insbesondere die Themen mentale Gesundheit und auch Frauengesundheit am Herzen liegen. Darüber – und über die politischen Dimensionen dieser Themen – habe ich in den letzten Wochen viel Neues gelernt.

Endometriose-Aktionsmonat  – Strukturelle Ungerechtigkeit in der Medizin beenden

Wer weiß, vielleicht gäbe es schon lange menstruationsfrei, wenn Männer menstruieren würden. Doch unsere Gesellschaft und die Gesundheitsversorgung vernachlässigen immer noch die Bedürfnisse von Menstruierenden. Gesundheitsversorgung, die besonders Frauen benötigen, fehlt vielerorts. Endometriose beispielsweise, bleibt zu oft unerkannt und Beschwerden werden nicht ernst genommen. Dieses medizinische Gaslighting muss ein Ende haben. Der März ist Endometriose-Aktionsmonat und zeigt beispielhaft auf, dass unser Gesundheitssystem geschlechtergerecht werden muss.
Bei der chronischen Erkrankung Endometriose wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter und bildet sogenannte Herde, die häufig starke Schmerzen verursachen. Die Erfahrungen und Einschränkungen im Alltag werden durch die Berichte von Betroffenen erschreckend deutlich. Ihre Beschwerden werden belächelt und bagatellisiert, wenn etwa ihre Schmerzen als „Mädchenbauchweh“ abgetan werden. Endometriose ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die darüber hinaus auch keine seltene ist: sie betrifft 8 % bis 15 % der Menstruierenden weltweit.

Endometriose verdeutlicht den Gender Health Gap
Trotz der vielen Betroffenen gibt es kaum Forschung dazu, die Versorgung ist lückenhaft und eine Diagnose wird häufig erst sehr spät gestellt. Warum? Weil die gesundheitliche Versorgung immer noch am männlichen Normkörper ausgerichtet ist. Das führt zu einer strukturellen Benachteiligung bei frauenspezifischer Gesundheitsforschung und -fragen und wird unter dem Begriff Gender Health Gap zusammengefasst.
Wenn es keine expliziten Erkenntnisse über die Ursachen von Endometriose oder das Zusammenspiel von Faktoren für die Aufrechterhaltung der Herde gibt, entstehen Unklarheiten. Dadurch ist die Behandlung eingeschränkt und es kommt häufig zu Fehldiagnosen, da die Symptome bei Endometriose vielseitig sind und sich mit anderen Erkrankungen überschneiden, wie z.B. Harnwegsinfektionen. Verspätete Diagnosen werden durch falsche Einordnungen oder Verharmlosung durch das Gesundheitspersonal beeinflusst. Betroffene erhalten deswegen oft zu spät die medizinische Hilfe, die sie benötigen, oder suchen die Behandlung nicht auf, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen. Im Schnitt dauert es 7-10 Jahre bis Betroffene die passende Diagnose erhalten. Der Gender Health Gap Report des Wirtschaftsforums (2024) zeigt, dass das fehlende Erkennen von Erkrankungen bei Menstruierenden langfristige gesundheitliche Folgen haben kann. Dadurch wird deutlich, dass es kein individuelles Problem ist, sondern ein Spiegelbild für ein ungerechtes, patriarchales Gesundheitswesen.
Die Behandlung kann bisher nur symptomatisch erfolgen und konzentriert sich auf die Reduktion von Schmerzen. Endometriose Herde werden entweder operativ entfernt, können dann aber erneut auftreten, oder die Menstruation wird durch die Pille ausgesetzt. Die Behandlung mit der Pille kann für Betroffene allerdings nicht ideal sein, denn nicht jede* kann oder will mit Hormonen behandelt werden.

Bei Frauengesundheit muss endlich geklotzt, statt nur gekleckert werden
Am Beispiel Endometriose verdeutlicht sich: Der Gender Health Gap muss geschlossen werden. Mehr Forschung führt zu mehr Erkenntnissen und zu passgenauen Behandlungsansätzen, die die Gesundheit und Selbstbestimmung der Betroffenen stärken.
Das Bundesministerium für Gesundheit hat eine Forschungsförderung zu Frauengesundheit mit insgesamt 10 Millionen Euro am 14. Januar 2026 mit zwei Förderrichtlinien veröffentlicht. Die erste Förderrichtlinie soll Projekte fördern, die sich mit patientengerichteter Versorgung von Frauen befasst. Die zweite soll Nachwuchsgruppen für Frauengesundheit fördern. Dadurch sollen die Versorgung von frauenspezifischen Erkrankungen, Ungleichheiten in der Versorgung sowie im Zugang erforscht werden. Das Thema Endometriose soll ebenfalls behandelt werden, mit dem Fokus auf versorgungspraktische und psychosoziale Aspekte.
Die Bundesmittel für die Frauengesundheitsforschung sind ein wichtiges Signal, aber Förderprogramme allein lösen keine strukturellen Defizite. Dadurch wird nicht gewährleistet, dass Menstruierende die Versorgung erhalten, die sie benötigen. Die derzeitige Versorgung ist ein unzumutbarer Zustand für alle Betroffenen, die dringend Hilfe benötigen.

Es muss sich endlich etwas ändert, und zwar jetzt!

Neben mehr Forschung müssen politische Maßnahmen ergriffen werden, um verlässliche und nicht invasive Diagnostik zu sichern und zertifizierte Zentren für eine hochwertige und selbstbestimmte Versorgung auszubauen. Auch unsere Gesellschaft muss Zyklus- und Endometriosefreundlich werden. Frauenspezifische Gesundheit, Endometriose, aber auch die Periode, dürfen kein Tabuthema sein. Durch Betroffenen-Organisationen wurde mehr Aufmerksamkeit und Aufklärung für Endometriose geschaffen und ermöglicht dadurch Defizite besser sichtbar zu machen.
Geschlechtsspezifische Unterschiede müssen in allen Versorgungsbereichen endlich berücksichtigt werden. Wer Frauengesundheit systematisch in Forschung, Ausbildung und Versorgung verankert, verbessert dadurch Diagnosen, Behandlung und Prävention direkt und setzt einen Maßstab für ein gerechtes und effizientes Gesundheitssystem.

Es ist Zeit für echte Versorgungsgerechtigkeit. Es ist Zeit, dass FLINTA* ernst genommen werden.