Mehr als drei Millionen Seiten Justizakten, tausende Dokumente, E-Mails und Aussagen. Was unter dem Namen „Epstein Files“ veröffentlicht wurde, zeigt das ganze Ausmaß eines patriarchalen Systems sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen – hier vor allem gegen Mädchen.

Mutmaßliche Täter werden durch Schwärzungen in den Akten geschützt, die Namen der Opfer aber bleiben sichtbar. Diese Art der Veröffentlichung ist ein Skandal für sich! Während Täter im Dunkeln bleiben, werden Betroffene erneut entblößt und beschämt. Denn teilweise wurden sogar Nacktfotos der betroffenen Frauen unzensiert veröffentlicht.

Mit jeder weiteren Enthüllung und Veröffentlichung wird deutlicher, wie großflächig und verästelt dieses Netzwerk ist: viele einflussreiche Personen, zumeist Männer aus Politik, Diplomatie und gesellschaftlichen Eliten sind Teil oder stehen mit dem Epstein-System in Verbindung. Während in mehreren europäischen Ländern inzwischen ermittelt wird und erste politische Konsequenzen folgen, haben viele Betroffene das Vertrauen in die US-Justiz verloren – auch weil dort kurz nach Veröffentlichung der Akten erklärt wurde, es gebe zu wenig Anhaltspunkte für weitere strafrechtliche Ermittlungen. Der Eindruck, dass der amtierende Präsident geschützt werden soll, drängt sich auf.

Die Epstein-Verbrechen sind kein Einzelfall

Wir leben in einer Zeit, in der Gewalt gegen Frauen und Mädchen weiter zunimmt. Auch in Deutschland. Laut Bundesinnenministerium sind die Zahlen sexualisierter Gewalt auf einem Höchststand. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden allein im Jahr 2024 über 53.000 weibliche Opfer von Sexualdelikten registriert. Knapp die Hälfte der Betroffenen war minderjährig. Hinter diesen Zahlen stehen Geschichten, die zutiefst erschüttern und häufig lebenslange, tiefe seelische Wunden und körperliche Leiden bei den Überlebenden hinterlassen.

In Frankreich wurde der Fall von Gisèle Pelicot bekannt: Ihr eigener Mann betäubte sie über fast zehn Jahre hinweg mit Medikamenten, tat ihr sexualisierte Gewalt an und bot sie dutzenden Fremden zur Vergewaltigung an. Seit Februar 2026 steht in München ein 27-jähriger Mann vor Gericht, weil auch er seine Partnerin monatelang betäubt und vergewaltigt haben soll. Und im vergangenen Sommer wurden während den Feierlichkeiten der Fête de la Musique in Frankreich über 145 Frauen mit Spritzen attackiert – eine organisierte Aktion aus purem Frauenhass. Viele Betroffene litten anschließend unter Übelkeit, Schwindel und Erbrechen. Diese Fälle sind extrem. Aber sie sind keine Ausnahmen.

Die Epstein-Files zeigen, wie sexualisierte Gewalt systematisch organisiert, vertuscht und bagatellisiert wird – besonders dann, wenn Täter über Macht und Einfluss verfügen. Viele dieser Männer spüren keinerlei Konsequenzen, selbst wenn ihre Nähe zu Epstein öffentlich wird. Sie wussten Bescheid und haben geschwiegen. Die Stimmen von Betroffenen wurden hingegen ignoriert, angezweifelt oder aktiv unterdrückt. Auch die Art und Weise wie über Frauen in den Epstein-Files gesprochen wird, ist abscheulich und unerträglich. In den veröffentlichten E-Mails werden Frauenkörper wie Waren beschrieben. Die verwendete Sprache ist zutiefst entmenschlichend. Sie zeigt eine Haltung, in der Frauenkörper als Besitz betrachtet werden, als etwas, das man kaufen, tauschen oder benutzen kann.

Viele sprechen jetzt über die Epstein-Verbrechen als einen gigantischen Skandal. Doch was hier sichtbar wird, ist ein patriarchales System, in dem Männer sich nehmen, was sie wollen. Sexualisierte Gewalt ist kein Randphänomen. Sie passiert jeden Tag – überall auf der Welt.

Wir dürfen nicht schweigen! In Zeiten, in denen wir weltweit einen gefährlichen Backlash gegen Frauenrechte erleben und frauenpolitische Errungenschaften zunehmend wieder infrage gestellt, Gleichstellungspolitik diffamiert, Frauenhass wieder lauter und aggressiver wird, müssen und können wir laut sein! Wir müssen und können solidarisch sein! Und wir müssen und können politisch handeln! Denn Frauenrechte und Gleichberechtigung sind kein Zustand, der einmal erreicht und dann erhalten bleibt. Sie müssen immer wieder verteidigt werden. All unsere Rechte als Frauen wurden im Wesentlichen von mutigen Frauen erkämpft, die weder weggesehen noch geschwiegen haben.

Was bedeuten die Epstein-Files für Deutschland?

Die Enthüllungen rund um die Epstein-Files machen noch einmal deutlich, wie wichtig ein Staat ist, der vor sexualisierter Gewalt schützt, Betroffene ernst nimmt und ihnen verlässlich hilft. Es reicht nicht, Empörung zu zeigen. Entscheidend ist, was getan wird. Erhalten Betroffene tatsächlich Schutz? Wie steht es um ihre medizinische Versorgung? Bekommen sie ausreichend Unterstützung? Das habe ich Bundesgesundheitsministerin Nina Warken gefragt.

 

Wichtig ist für mich: Welche konkreten gesetzlichen Verbesserungen plant die Bundesregierung, um Betroffener von sexualisierter Gewalt besser zu unterstützen? Denn für viele Betroffene ist genau dieser Moment entscheidend: ob sie medizinisch versorgt werden, ob Spuren auch anonym gesichert werden können und ob ihnen überhaupt geglaubt wird. Wenn wir hier bessere Strukturen schaffen, ist das ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig zeigt sich gerade im Detail, wie groß der Handlungsbedarf noch ist. Ein Beispiel ist die medizinische Akutversorgung nach sexualisierter Gewalt:

 

Aktuell haben Kliniken dafür noch keine eigene EBM-Abrechnungsziffer. Das ist aber für die Kliniken notwendig, um die vollständige medizinische Akutversorgung, inkl. der Testung auf sexuell übertragbare Krankheiten, Prophylaxe und notwendiger Medikation, endlich kostendeckend erbringen zu können. Bislang werden Kliniken nur mit einer sehr geringen Notfallpauschale von 20 Euro vergütet. Das kann dazu führen, dass wichtige Versorgungsangebote ausbleiben. Dabei verpflichtet uns die Istanbul-Konvention, umfassende und leicht zugängliche Hilfsangebote für Betroffene sexualisierter Gewalt bereitzustellen. Dieser Anspruch muss sich auch in der Realität unseres Gesundheitssystems widerspiegeln.

Es ist gut, dass Bundesministerin Warken die Dringlichkeit des Themas wenigstens anerkennt und zugesichert hat, dass sie sich dafür einsetzen möchte, die Akutversorgung zu stärken sowie die Vergütung anzupassen. Ich werde deshalb weiter nachhaken und genau beobachten, ob und wie die Bundesregierung hier in die Umsetzung kommt. Die Folgen solcher Taten können ein Leben lang anhalten, es muss klar sein, dass Betroffene sexualisierter Gewalt und Ausbeutung die medizinische und psychosoziale Hilfe bekommen, die sie benötigen.

Wir Grüne fragen zudem in einer Kleinen Anfrage die Bundesregierung, welche Erkenntnissen diese zur sexualisierten Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit den Epstein-Files hat, sowie nach dem Stand der Aufklärung. Auch hier gilt: Transparenz und Aufarbeitung sind entscheidend, wenn wir verhindern wollen, dass solche Systeme der Gewalt weiter bestehen können. Der politische Auftrag ist klar: Wir müssen Betroffene besser schützen, ihnen schneller helfen und die Strukturen beenden, die solche Verbrechen möglich machen.

Die Bekämpfung von sexualisierter Gewalt erfordert ein breites gesellschaftliches Bündnis. Akteur*innen auf internationaler, europäischer, Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, Gesundheit, Soziales, Bildung, Justiz, Wirtschaft und Finanzen sowie der Zivilgesellschaft sind aufgefordert sich gegen sexualisierte Gewalt einsetzen – jede einzelne Person dort, wo sie Einfluss hat.

Denn klar ist: Um vor sexualisierter Gewalt zu schützen und Betroffene besser zu unterstützen, braucht es mehr als gute Worte, es braucht starke, funktionierende Strukturen und eine kontinuierliche Weiterentwicklung von Schutzmechanismen. Und es braucht die Überwindung des Patriachats!