Immer mehr Kinder und Jugendliche sind psychisch belastet und erkranken. Das kann ihre schulische und soziale Teilhabe beeinträchtigen und negative Folgen bis ins Erwachsenenalter haben. Etwa die Hälfte der psychischen Erkrankung im Erwachsenenalter beginnt bereits in der Kindheit. Umso wichtiger ist es, die seelische Gesundheit junger Menschen frühzeitig und nachhaltig zu stärken. Prävention muss dort ansetzen, wo Kinder und Jugendliche leben, lernen und aufwachsen.
Wie das gelingen kann, haben wir auf unserer grünen Konferenz „Prävention für die seelische Gesundheit von jungen Menschen“ mit mehr als 200 Teilnehmenden im Deutschen Bundestag diskutiert. Es war deutlich spürbar, wie vielen Menschen dieses Thema unter den Nägeln brennt: Aufgrund der hohen Nachfrage mussten wir die Zahl der Plätze für die Teilnahme vor Ort bereits zwei Wochen vor der Veranstaltung begrenzen, viele Menschen konnten dennoch online teilnehmen.
Insgesamt 16 Referent*innen aus Wissenschaft, Praxis und Politik kamen zu uns in den Deutschen Bundestag, um Erfahrungen auszutauschen und Impulse für eine wirksame, lebensweltorientierte Prävention zu geben. Wie geht es Kindern und Jugendlichen heute? Welche Maßnahmen stärken ihre seelische Gesundheit nachhaltig? Und welche Versorgungslücken und strukturellen Hürden müssen wir überwinden?
Amy Kirchhoff von der Bundesschüler*innenkonferenz zeigte auf, was junge Menschen derzeit bewegt und was sie sich wünschen, damit ihre psychische Gesundheit gestärkt wird. Zukunftsängste, Kriege, Arbeitslosigkeit und die Klimakrise machen nicht vor den Schultoren halt. Sie wirken sich unmittelbar auf den Schulalltag aus und belasten Schülerinnen und Schüler. Um diesen Sorgen zu begegnen, braucht es ausreichend Unterstützung durch das Schulpersonal – etwa durch sensibilisierte Lehrkräfte und eine gut ausgebaute Schulsozialarbeit. Die Bundeschüler*innenkonferenz spricht sich zudem dafür aus, den Leistungsdruck durch die Abschaffung von Noten zu verringern.
Was hat Vogelgesang mit unserer psychischen Gesundheit zu tun? Prof. Aletta Bonn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) beleuchtete den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und Natur. Sie zeigte auf, wie sich Aufenthalte im Wald positiv auf unser Wohlbefinden auswirken und wie unsere Lebenszufriedenheit mit der Vielfalt der Vogelwelt korreliert. Wie unsere Umwelt gestaltet ist, wie wir unsere Umwelt erleben, wirkt sich auch – positiv wie negativ – auf unsere Psyche aus.
Prof. Reininghaus vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit führte in das Konzept der Public Mental Health ein. Public Mental Health befasst sich mit der Prävention psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung, deren Management und der Evaluation entsprechender Behandlungsansätze. Darüber hinaus umfasst das Fachgebiet die Förderung und den Schutz der psychischen Gesundheit. Damit leistet Public Mental Health einen wichtigen Beitrag, um den zunehmenden psychischen Belastungen junger Menschen zu begegnen.
Psychische Belastungen sind von vielen Faktoren abhängig. Jeder Mensch kann betroffen sein. Aber es gibt auch Kinder und Jugendliche, die sich in besonders vulnerablen Lebenssituationen befinden und ein erhöhtes Risiko für psychische Belastungen und Erkrankungen haben. In drei Paneldiskussionen nahmen wir die unterschiedlichen Lebenslagen junger Menschen und ihrer spezifischen Bedürfnisse in den Blick. Gemeinsam mit Expert*innen diskutierten wir die Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe junger Menschen mit Fluchterfahrungen, aus psychisch und suchtbelasteten Familien sowie junger Menschen, die von Armut betroffen sind.
Für Kinder und Jugendliche aus psychisch und suchtbelasteten Familien und für armutsbetroffene junge Menschen zeigen sich einige Parallelen. Bei beiden Gruppen ist es entscheidend, mögliche Unterstützungsbedarfe bereits rund um die Geburt frühzeitig zu erkennen und niedrigschwellige, freiwillige und kostenfreie Angebote bereitzustellen. Unsere Expert*innen forderten, die Familienorientierung gesetzlich zu verankern, damit Kinder bei der Versorgung ihrer psychisch und suchtbelasteten Eltern systematisch mitberücksichtigt werden. Präventions- und Therapieangebote, die die gesamte Familie in den Blick nehmen, müssen in die Regelversorgung überführt werden. Zudem sollten Babylots*innen in die Regelfinanzierung aufgenommen werden. Gleichzeitig gilt es, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die junge Menschen vor Armut schützen. Armut wirkt sich auf Bildungschancen, gesellschaftliche Teilhabe und Gesundheit aus. Junge Menschen mit Fluchterfahrung können diese Belastungen teilen, unterscheiden sich von anderen jungen Menschen jedoch durch ihre spezifischen Erfahrungen und Lebensumstände. Die Erlebnisse der Flucht sind oft ständiger Begleiter. Gleichzeitig fehlen verlässliche Unterstützungsstrukturen nach der Ankunft in Deutschland: Geflüchtete Kinder und Jugendliche sind häufig mit prekären Lebensbedingungen konfrontiert, etwa in Sammelunterkünften. Daraus können besondere psychosoziale Unterstützungsbedarfe entstehen, denen das Versorgungssystem frühzeitig und bedarfsgerecht begegnen muss. Dafür braucht es nicht nur einen schnellen Zugang ins Gesundheitssystem. Kitas und Schulen, sollten unterstützende, seelenfreundliche Lebenswelten schaffen. Durch Unterstützungsangebote für Teilhabe und Integration. Dafür müssen gesetzlichen Rahmenbedingungen so gestaltet sein, dass sie die Handlungsspielräume und Ressourcen junger Geflüchteter stärken, anstatt sie durch Leistungskürzungen weiter einzuschränken.
Den Abschluss gestalteten Prof. Silvia Schneider (Ruhr-Universität Bochum), Prof. Mazda Adli (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité) und Prof. Tobias Renner (DGJKP). Alle drei sprachen sich für eine lebensweltorientierte Präventionsansätze aus. Prävention gelingt da, wo junge Menschen von Beginn an Versorgungsfragen beteiligt werden. Von Kita, Schule über die Gestaltung von Begegnungsräumen im öffentlichen Raum – junge Menschen müssen einbezogen werden: was brauchen sie, was hilft ihnen, welche Maßnahmen sind, passend und wirken? Jana Bauer vom Gesunde Städte-Netzwerk stellte dazu Best-Practice-Beispiele vor. Projekte aus Stuttgart und Frankfurt, etwa der Beratungsbus des Projekts FORT (FraMe vor Ort), zeigen, wie Prävention für die seelische Gesundheit gelingen kann: wenn sie gemeinsam mit jungen Menschen entwickelt wird, Zugehörigkeit stärkt und Menschen direkt in ihren Lebenswelten erreicht.
Wir nehmen wichtige Punkte aus der Veranstaltung mit:
Mental Health in and for all Policies – das heißt, psychische Gesundheit in allen Lebenswelten und Politikbereichen berücksichtigen. Aus Sicht aller Expert*innen und Teilnehmenden braucht es einen sektoren- und institutionsübergreifenden Ansatz, der Prävention, frühzeitige Unterstützung und medizinische sowie psychosoziale Versorgung miteinander verbindet. Denn seelische Gesundheit entsteht nicht allein im SGB V. Sie wird auch in Familien, Kitas, Schulen, im Freundeskreis, in Vereinen und im öffentlichen Raum geprägt und muss deshalb System- und Sozialgesetzbuchübergreifend gestärkt werden.
Um das zu erreichen, müssen wir:
Frühzeitig ansetzen
Gerade in den ersten Lebensjahren werden wichtige Grundlagen für die weitere Entwicklung geschaffen. Deshalb müssen wir Kinder und ihre Familien frühzeitig unterstützen, Belastungen zu vermeiden, früher zu erkennen und passende Hilfen anzubieten – niedrigschwellig, bedarfsgerecht und ohne lange Wartezeiten. Information, Aufklärung und Beratung sind dafür wichtig. Was stärkt mein Kind in seiner seelischen Gesundheit? Welche Einflussfaktoren, wie Social Media, können sich negativ auswirken? Wo erhalten Kinder und ihre Eltern Hilfe, wenn sie Unterstützung brauchen? Frühe Hilfen und Babylots*innen sind wichtige Angebote, die passgenau unterstützen und in Hilfen weitervermitteln.
Seelenfreundliche Städte bauen
Gesundheit entwickelt sich im Alltag. Gestalten wir unsere Lebenswelten so, dass sie die seelische Gesundheit fördern, Einsamkeit entgegenwirken und Verbundenheit ermöglichen. Dazu gehören öffentliche Räume, die Begegnungen schaffen, Schulen, in denen junge Menschen Gemeinschaft erfahren, und Lebensumstände, die soziale Beziehungen stärken. Der Zugang zu Grünflächen und die Erfahrung einer vielfältigen natürlichen Umwelt können das Wohlbefinden fördern. Klimaschutz ist Gesundheitsschutz.
Seelische Gesundheit lässt sich nicht isoliert betrachten. Armut, Ausgrenzung und das Gefühl nicht dazuzugehören, nicht mitgestalten und teilhaben zu können, unsichere Lebensbedingungen und fehlende Unterstützung können junge Menschen und ihre Familien erheblich belasten. Wer bei sozialer Gerechtigkeit, der Kinder- und Jugendhilfe oder der Unterstützung von Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrungen kürzt, riskiert, wichtige Schutz- und Hilfestrukturen zu schwächen.
Prävention und Versorgung zusammendenken
Wir brauchen ein Unterstützungssystem, das kommunal ansetzt und Menschen entsprechend ihrem Bedarf begleitet. Orientierung bietet dabei der Ansatz der Weltgesundheitsorganisation (WHO), das Mental Health And Psychosocial Support System (MHPSS): Prävention und niedrigschwellige Hilfen bilden die Basis, spezialisierte Angebote ergänzen das System dort, wo sie gebraucht werden. Zwischen dem Alltag junger Menschen und der spezialisierten medizinischen Versorgung braucht es starke psychosoziale Unterstützungsstrukturen. Sozialarbeiter*innen, Beratungsstellen, Schulen, Kinder- und Jugendhilfe sowie Gesundheitsdienste müssen eng vernetzt und koordiniert zusammenarbeiten. So kann die psychische Resilienz gefördert, aber auch Belastungen frühzeitig erkannt und Hilfen rechtzeitig vermittelt werden, bevor sich psychische Krisen verfestigen.
Einsparungen bei der gesundheitlichen Versorgung, speziell auch der psychotherapeutischen, psychiatrischen und psychosozialen Versorgung, sind angesichts der Mental Health Crisis und der angespannten Versorgungslage kontraproduktiv und verschärfen Versorgungslücken weiter. Wenn notwendige Hilfe zu spät oder gar nicht ankommt, kann das zu schwereren Symptomen, längeren Behandlungsdauern, vermeidbaren stationären Aufenthalten, längerer Schul- und Arbeitsunfähigkeit sowie Frühberentungen führen. Prävention umfassend zu stärken sowie früh und schnell die passende Unterstützung bei psychischen Beschwerden zu bieten, verringert damit auch gesamtgesellschaftliche Kosten.
Seelische Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Jeder von uns macht in seinem Leben schwierige und psychisch belastende Erfahrungen oder kennt Menschen, die psychischen Krisen durchleben. Junge Menschen müssen darin unterstützt werden, wie sie in herausfordernden Zeiten psychische Resilienz entwickeln, um ihre psychische Gesundheit zu stärken und Belastungen zu bewältigen. Aber dafür brauchen sie eine Umwelt und ein Umfeld, das sie dabei unterstützt und ihnen hilft, wenn es aus eigenen Kräften nicht zu schaffen ist. Psychische Gesundheit geht uns alle angeht. Denn ob wir selbst betroffen sind oder Menschen in unserem Umfeld begleiten: Psychische Gesundheit wirkt sich auf die Lebensqualität, die Lern- und Arbeitsfähigkeit, soziale Interaktion, gesellschaftliche Teilhabe und Mitgestaltung aus. Und damit stärkt sie unsere Demokratie. Sie darf deshalb nicht erst dann in den Blick der Politik und Gesellschaft geraten, wenn Belastungen zu stark werden und Menschen erkranken.
Dass die Bundesregierung eine Strategie zur psychischen Gesundheit junger Menschen auf den Weg bringen will, ist ein wichtiger Schritt. Entscheidend wird sein, dass daraus konkrete politische Maßnahmen folgen, die zu spürbaren Veränderungen in den Lebenswelten von jungen Menschen führen. Wir werden die Strategie an den Forderungen der Expert*innen messen.

