Zentrale Frage: Wie stärken wir unser Miteinander, wie werden unsere Städte seelenfreundlicher und klimagerechter?
Seit meinem ersten Jahr als Bundestagsabgeordnete, inzwischen also zum 8. Mal nutze ich die sitzungsfreie Zeit, in der ich nicht so viel in Berlin bin, um mit meinem Rad durch Bremen, Bremen-Nord und Bremerhaven zu fahren und Menschen und Orte kennenzulernen, zu besuchen, wieder zu treffen, die unser Bremen und Bremerhaven besser machen! So auch bei meiner diesjährigen Sommertour.
Ich fahre zurück nach Berlin mit einem vollen Herzen, ganz viel Inspiration und dem Wissen, dass viele Menschen diese Welt jeden Tag besser machen.
Chancen, Teilhabe und Geschlechtergerechtigkeit
Wie vielfältig Chancen, Teilhabe und Geschlechtergerechtigkeit gestaltet werden können, durfte ich bei meinen Besuchen bei Balu und Du, Frauengesundheit Tenever, Women@Werder, Hood Training, der Blauen Karawane und Kultur vor Ort erleben.
Bei der Freiwilligenagentur Bremen bringt Balu und Du junge Erwachsene für rund ein Jahr mit Grundschulkindern aus sozial benachteiligten Lebenssituationen zusammen. Als enge Verbündete und Vorbilder schenken die sogenannten „Balus“ den „Moglis“ Zeit, Aufmerksamkeit und Vertrauen – und stärken damit Resilienz und Selbstvertrauen. Gleichzeitig entdecken auch die jungen Erwachsenen die Welt noch einmal mit Kinderaugen und lernen unter anderem, mehr Leichtigkeit in ihren eigenen Alltag zu bringen. Damit solche wertvollen Beziehungen entstehen können, braucht es verlässliche Förderung. Das Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ ist dafür ein wichtiger Baustein und muss auch im kommenden Jahr weiterfinanziert werden.
Wie stark Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung sein können, zeigt auch Frauengesundheit Tenever. Mit Schwimm- und Digitalisierungskursen, offenen Treffen und einem Klimagarten schaffen die engagierten Mitarbeiterinnen Räume, in denen Frauen aus verschiedenen Kulturkreisen ihre Fähigkeiten erweitern, mehr Autonomie entwickeln und sich gegenseitig stärken können. Für viele Besucherinnen ist das Team längst zu einer zweiten Familie geworden – zu Menschen, mit denen auch über schwierige Themen gesprochen werden kann. Ergänzt wird dieses Angebot durch niedrigschwellige psychosoziale Beratung.
Auch bei Women@Werder wird deutlich: Wenn Frauen sich vernetzen und gemeinsam für Veränderungen eintreten, können sie viel bewegen. Im Rahmen der bundesweiten Initiative „Fußball kann mehr“ setzt sich das Netzwerk für mehr Gleichberechtigung im Sport und für eine paritätische Besetzung auf allen Ebenen von Werder Bremen ein. Gerade mit Blick auf Mädchen und junge Frauen ist das wichtig: Sie treiben noch immer deutlich seltener Sport als Jungen. Dabei bedeutet Bewegung so viel mehr als körperliche Fitness – sie stärkt das Körpergefühl, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die mentale Gesundheit. Dafür braucht es weibliche Vorbilder, die zeigen: Sport ist für alle da.
Mitgestaltung und Inklusion standen bei meinem Besuch bei der Blauen Karawane im Mittelpunkt. Denn Teilhabe gelingt da, wo wirklich alle mitmachen können. Im BlauHaus gestalten Menschen mit und ohne Behinderung ihr Quartier gemeinsam und machen Inklusion im Alltag ganz konkret erlebbar. Es geht nicht nur darum, Barrieren abzubauen, sondern darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen selbstverständlich zusammenkommen, Ideen einbringen und ihr Umfeld mitgestalten können. Ohnehin unverzichtbar und in Zeiten, in denen der Druck auf die Seelen zunimmt und es droht, dass psychisch Kranke wieder mehr stigmatisiert werden, umso wichtiger.
Auch Kultur vor Ort in Gröpelingen zeigt eindrucksvoll, wie wichtig es für eine lebendige Demokratie ist, dass Menschen ihren eigenen Lebensraum aktiv mitprägen. Hier entwickeln Bewohner*innen gemeinsam Ideen für ihren Stadtteil und gestalten so dessen Zukunft mit. Kultur wird dabei zum Motor für Stadtentwicklung, Klimaschutz und gesellschaftliche Teilhabe – und damit zu einem Ort, an dem Demokratie ganz unmittelbar erlebt und gestaltet werden kann.
Das Hood Training habe ich neu kennengelernt. Wenn der Gründer, Daniel Magel, von der Entwicklung seiner Initiative und den zahlreichen Angeboten in der offenen Kinder- und Jugendarbeit erzählt, wird schnell klar, wie viel Herzblut und Ausdauer dahinterstecken. Mit Sportangeboten, wie dem Kämpfen mit Regeln, vermittelt Hood Training Kindern und Jugendlichen Respekt, den Umgang mit Grenzen und die Erfahrung, eigene Entscheidungen treffen und etwas bewirken zu können. Das bedeutet neue Wege und Perspektiven – und ist Suchtprävention at it’s best. Was als lokale Initiative begann, ist inzwischen vielerorts bundesweit und sogar außerhalb Deutschlands etabliert und erreicht damit unzählige junge Menschen.
All diese Projekte zeigen auf ganz unterschiedliche Weise, was möglich wird, wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen: Sie schaffen Räume, in denen Menschen gesehen werden, sich gegenseitig sehen und ihre Stärken entdecken, ihre Umgebung und ihr Leben gestalten. Das fördert die seelische Gesundheit, Resilienz und nicht zuletzt unsere Demokratie.
Dafür allen Beteiligten mein großer Dank und meine Anerkennung.
Für jeweils einen Tag führte mich meine Sommertour nach Bremen-Nord und Bremerhaven.
Bremen-Nord: Erinnern, Verantwortung übernehmen und gemeinsam gestalten
Mein Tag in Bremen-Nord hat mich Orte erleben lassen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch eine wichtige Gemeinsamkeit haben: Sie zeigen, wie viel Verantwortung wir füreinander und für unsere gemeinsame Zukunft tragen.
An dem Denkort Bunker Valentin werden die Geschichte des Nationalsozialismus und die damit verbundenen Schrecken von Zwangsarbeit, Menschenverachtung und Tod sichtbar und begreifbar. Der ehemalige Ort des Schreckens ist heute ein Denkort, an dem jährlich mehr als 40.000 Besuchende innehalten, sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und daraus Fragen und Antworten für die Gegenwart ableiten. Zugleich ist der Bunker ein Ort der Forschung: Immer wieder werden neue Materialien entdeckt oder auch von Besuchenden gespendet, die aufgearbeitet werden und neue Einsichten zu Tage fördern.
Nur wenige Kilometer entfernt wird am Tanklager Farge deutlich, dass historische Verantwortung nicht mit dem Ende einer Diktatur endet. Die Altlasten des ehemaligen Tanklagers sind bis heute messbar – in Böden, im Grundwasser und sogar in Gartenbrunnen in Bremen-Nord. Dass inzwischen mit der Sanierung begonnen wurde, ist nicht zuletzt dem jahrelangen Engagement der Bürgerinitiative rund um Heidrun Pörtner zu verdanken. Was sie und ihre Mitstreiter*innen hier leisten, verdient größten Respekt. Gleichzeitig ist klar: Der Bund muss seiner Verantwortung gerecht werden und die Böden grundlegend sanieren und so die Schadstoffbelastung reduzieren.
Ein ganz anderer und ganz toller Ort für den Stadtteil ist das DOKU Blumenthal in Bremen Nord. Es ist Begegnungsort, Kreativwerkstatt und Stadtteilarchiv zugleich – hier wird getöpfert, mit Textilien gearbeitet, fotografiert und in alten Zeitungen und Bildern die Geschichte Blumenthals bewahrt. Vor allem aber ist das DOKU ein Ort, an dem ganz praktisch die Frage gestellt und gelebt wird: Wie wollen wir zusammenleben? Die Antwort, die ich dort erlebt habe, lautet: in Vertrauen, in Wertschätzung und inklusiv. Genau solche Orte machen einen Stadtteil lebendig und zeigen, dass Zusammenhalt jeden Tag neu gestaltet werden kann.
Bremerhaven: Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Orte der Begegnung
Auch mein Tag in Bremerhaven hat mir gezeigt, wie viel entstehen kann, wenn Menschen ihre Ideen mit Leidenschaft verfolgen. Das WERK Bremerhaven ist ein Ort, der gerade durch seine Unperfektheit seinen besonderen Charme entfaltet. Für viele Menschen (manche mit, viele ohne psychische Erkrankungen) kann genau das eine wichtige Hürde nehmen: einfach vorbeizukommen, ohne das Gefühl haben zu müssen, irgendwo perfekt hineinpassen zu müssen. In den Werkstätten wird gleichzeitig etwas bewahrt, das zunehmend verloren geht: die Fähigkeit und der Wille Dinge selbst zu reparieren, herzustellen und Neues auszuprobieren. Ob Nähwerkstatt, Tischlerei oder Druckwerkstatt – hier kann man mit den eigenen Händen etwas schaffen und dabei ganz unmittelbar erleben, was in einem selbst steckt. Gleichzeitig wird Nachhaltigkeit praktisch gedacht: beim Bauen mit Hafer und Kalk, beim Wiederverwenden von Materialien oder beim Drucken mit Reisöl-basierten Substanzen. Es ist ein Ort voller Visionen und Menschen, die mit großer Kreativität etwas ganz Besonderes aufbauen. Möglich macht das der Verein Zirkula e.V. gemeinsam mit Kooperationspartner*innen, wie dem Zolli Bremerhaven.
Und unten im Haus ist das wunderschöne Café Findus, mit selbstgebackenem Brot – sehr zu empfehlen das „Goldtöpfchen“.
Im Klimahaus Bremerhaven bin ich immer wieder gern. Mir wurde erneut sehr deutlich, warum wir Visionen vom guten Leben“ dringend brauchen. Die Ausstellung zu Wetterextremen nimmt Besucher*innen auf eine imaginäre Reise mit – über drei Etagen, mit Video, Bewegung, Sound, Spezialeffekten und Bühnenelementen werden die Naturgewalten rundherum erlebbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Erleben der Auswirkungen der Klimakrise irgendjemanden kalt lässt. Und trotzdem entlässt sie die Besucher*innen nicht mit einem Gefühl der Ohnmacht, sondern mit dem Wunsch etwas beizutragen zum Schutz unserer Erde und vor allem mit der Frage: Wer will ich gewesen sein? Denn Klimaschutz ist keine Aufgabe, die wir delegieren können. Jede und jeder von uns kann etwas beitragen und sich dafür einsetzen, dass wir unsere Lebensgrundlagen bewahren.
Einen ganz anderen wertvollen Beitrag für das gute Leben leisten der Seniorentreff im Ernst-Barlach-Haus und der Doc-Treff. In Bremerhaven gibt es sechs Seniorentreffpunkte, die wochentags ganztägig geöffnet sind und weit mehr bieten als eine Tasse Kaffee in Gesellschaft: Bingo, Quiz- und Tanzabende, Sportangebote und Unterstützung bei Fragen rund um Digitalisierung oder Enkeltricks gehören ebenso dazu. Möglich wird all das vor allem durch die vielen Ehrenamtlichen, die ihre Zeit und Erfahrung einbringen. Gerade in einer Zeit, in der Einsamkeit zu einem immer größeren gesellschaftlichen Problem wird, sind solche Orte wahre Glücksorte.
Der Doc-Treff ergänzt dieses Angebot um eine wichtige Form der Orientierung: Menschen, die sich im komplexen Gesundheitssystem zurechtfinden möchten, können dort Unterstützung bekommen. Zweimal im Monat kommen dafür Ärzt*innen im Ruhestand ehrenamtlich ins Ernst-Barlach-Haus und bieten nach Terminvergabe kostenlose Beratung an. Was für ein großartiges Beispiel dafür, wie viel wir füreinander tun können, wenn wir unsere Erfahrungen und unser Wissen miteinander teilen.
Gesundheitsfördernde Kommunen und Nachhaltigkeit
Gesundheit und Nachhaltigkeit gehören untrennbar zusammen – und auch hier durfte ich auf meiner Sommertour viele Menschen und Orte kennenlernen, die zeigen, wie vielfältig unser Beitrag für eine gesundheitsfördernde Kommune sein kann. Im Oecotop wird das besonders schön sichtbar: Der Naturkostladen ist nicht nur ein Ort für bewussten Konsum, sondern auch ein echter Treffpunkt im Stadtteil, an dem man beim Einkaufen ins Schnacken kommt. Als Mitgliederladen ermöglicht das Oecotop gute Preise für hochwertige Produkte und legt dabei besonderen Wert auf kurze Lieferwege sowie regionale und saisonale Lebensmittel. Gesunde Ernährung, Klimaschutz und soziale Begegnung werden hier ganz selbstverständlich miteinander verbunden.
Wie wichtig es ist, Menschen unabhängig von ihrer Lebenssituation Unterstützung anzubieten, hat mir der Besuch im Drogenkonsumraum gezeigt. Hier erfahren suchtkranke Menschen Beratung, Begleitung und konkrete Unterstützung im Alltag – und zwar ohne Vorurteile. Denn Stigmatisierung hilft niemandem, sondern verschärft alle Probleme. Ein menschlicher und pragmatischer Umgang mit Sucht und Begegnung auf Augenhöhe bedeutet deshalb auch, Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Ich hoffe, das Druckchecking kann bald ebenfalls eingerichtet werden! Auch das rettet Leben.
Viel Fürsorge und Leidenschaft durfte ich anschließend im Bremer Tierheim erleben. Die Mitarbeitenden kümmern sich mit beeindruckendem Engagement um die Tiere, die bei ihnen landen. Gleichzeitig stößt das Tierheim zunehmend an seine Grenzen: Immer mehr Tiere werden abgegeben, ausgesetzt oder kommen in einem verwahrlosten Zustand an. Umso wichtiger ist es, das Tierheim zu entlasten und seine wertvolle Arbeit zu unterstützen. Eine eigenständige und unabhängige Wildtierstation wird dabei helfen, die unterschiedlichen Aufgaben besser zu bewältigen.
Besonders berührt hat mich auch der Besuch bei der Löwenherz Akademie. Ein Kind zu verlieren, ist vermutlich das Schlimmste, was Eltern und Familien treffen kann. In dieser Situation ist es entscheidend, schnell an die Hand genommen zu werden und gute Begleitung zu finden. Die Löwenherz Akademie berät, unterstützt und begleitet trauernde Eltern und Geschwister und leistet darüber hinaus wichtige Bildungs- und Aufklärungsarbeit. Lehrkräfte und Fachkräfte werden für das Thema Trauer sensibilisiert, damit betroffene Kinder und Familien auch in ihrem Umfeld verständnisvolle Unterstützung erfahren. Gleichzeitig macht die Akademie die wertvolle Arbeit der Kinderhospize sichtbar und zeigt, dass es dort trotz aller Trauer vor allem auch um eines geht: um Leben, Begegnung und gemeinsame Zeit.
Dass Nachhaltigkeit oft ganz klein beginnt, hat mir schließlich die Slow-Flower-Gärtnerei Ranken und Blumen von Anna-Lena Vallentin gezeigt. Ihre Blumen wachsen im Rhythmus der Natur – regional, pestizidfrei und mit bewusstem Umgang mit Wasser. Der Besuch hat mir einmal mehr vor Augen geführt, dass nachhaltiger Wandel nicht immer große Lösungen braucht. Oft beginnt er mit einer kleinen Entscheidung im Alltag: Wo kaufe ich ein? Was konsumiere ich? Und welche Art von Landwirtschaft und Wirtschaft möchte ich damit unterstützen?
Veränderung beginnt nicht nur durch Gesetzgebung und die großen Räder, sie beginnt ganz oft hier bei uns – mit Menschen, die anpacken, Verantwortung übernehmen und gemeinsam neue Wege gehen, füreinander da sind und sich gegenseitig stärken. Das fördert die seelische Gesundheit und unsere Demokratie. Stadtentwicklung ist immer auch Health in all policies.
Ich danke allen Initiativen, Projekten und vor allem Menschen, die sich Zeit für mich genommen und mich so herzlich empfangen haben, für ihre Offenheit, ihre Gastfreundschaft und die vielen inspirierenden Einblicke. Diese Begegnungen nehme ich mit nach Berlin und sind mir weiter Ansporn, mich auch im Bundestag dafür einzusetzen, dass gute Ideen die Unterstützung bekommen, die sie verdienen. Denn eine lebenswerte Zukunft entsteht dort, wo Menschen unsere Welt gemeinsam gestalten – und genau das habe ich auf meiner Sommertour erlebt. Danke.

