In einer Zeit, in der psychische Krisen zunehmen und immer mehr Menschen auf Unterstützung angewiesen sind, sind die Honorarkürzungen für psychotherapeutische Leistungen ein fatales Signal. Psychische Belastungen nehmen zu, der Versorgungsbedarf steigt, die Wartezeiten sind unzumutbar lang. Die aktuellen Honorarkürzungen verschärfen die Lage zusätzlich – für Psychotherapeut*innen und Patient*innen. Die Bundesregierung verpasst es, die notwendigen Strukturreformen in der Psychotherapie endlich anzugehen. Als Grüne Bundestagsfraktion haben wir deshalb einen Eilantrag in den Deutschen Bundestag eingebracht und fordern, dass die psychotherapeutische Versorgung gestärkt und die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung abgesichert wird.
Heute möchte ich hier Raum für die Perspektive der Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA) geben und freue mich, dass Hilke J. ihr sehr eindrucksvolles Gedicht über die Situation der PiA auf meiner Webseite veröffentlichen möchte.
Gastbeitrag von Hilke:
Mein Name ist Hilke. Ich bin Psychologin, Psychotherapeutin in Ausbildung (PiA) und PiA-Sprecherin an meinem Ausbildungsinstitut.
Zum 01.04.26 erfolgte die Kürzung der Honorare von Psychotherapeut*innen um 4,5%. Mit meinem Gedicht wollte ich am 21.03.2026 auf der Kundgebung der Psychotherapeut*innen in Bremen darauf hinweisen, dass die Honorarkürzungen nur die Spitze des Eisbergs darstellen, mit dem sich PiA konfrontiert sehen.
Kollektive Lebenslinie der Psychotherapeut*innen (in Ausbildung)
Ich möchte euch die Geschichte erzählen
vom aktuellen Psychotherapie-Ausbildungssystem
Und von meinen Befürchtungen
in Zusammenhang mit den Honorarkürzungen
Das Leid fängt schon mit dem Bachelor an
wenn man den NC schaffen kann
schließt sich daran nahtlos an
ein Leistungsdruck und Notenwahn
Wer da nicht mitmachen will hat versagt
denn ohne Eins kein Masterplatz
Und ohne Masterplatz Karriereschluss
das heißt für die Studis:
“ich muss, ich muss, ich muss”
Das Studium ist aber, kurz gesagt
Für Psychotherapeuten obligat
Es heißt also letztlich in der Tat
“ich muss, ich muss, ich muss!“
Aber die Aussichten sind doch gut?
Psychotherapeuten werden doch gesucht?
Warte mal, da war doch was!
Das PsychThG der Neunziger,
Nach dem Master
folgt das Desaster:
Nach fünf Jahren Studium
noch die jahrelange Ausbildung
Wochenends gibt‘s das Blockseminar
Unter Mindestlohn schuften in Klinikpraktika
Trotz Praktikum
volle Patientenverantwortung
Und so schwindet langsam
die Begeisterung
Das Problem liegt in den Strukturen
Gute Ausbildung ja! Aber ohne schwere Blessuren!
Obwohl die Psychologin ihren Job super macht
die Überlastung bringt viel schlaflose Nacht
Der müden jungen Psychologin
mit all ihrer Empathie
Fehlt eine angemessene, existenzsichernde
Lohngarantie!
Sie trägt die Kosten für die Ausbildung
Zwanzigtausend Euro ohne Bezuschussung
Der Staat freut sich:
wieder gespart!
Heldentat!
Der Psychologe schluckt nun schwer:
“Wo krieg‘ ich die ganze Kohle her?
Geld leihen, ein Kredit?
Mir geht es ja nicht um Profit!
Mir geht es darum, Menschen zu behandeln
Leid in Wachstum zu verwandeln
Mir geht es darum, eine Ausbildung zu machen
die Qualität meiner Behandlung prüfen zu lassen
Mir geht es darum, psychotherapeutischer Nachwuchs zu sein
Es wäre nur schön, wäre ich mit finanziellen Sorgen nicht allein!”
Und dennoch bleibt die Psychologin dran
um die Patientenversorgung zu bewahrn‘
Nimmt selbst hohe Verluste in Kauf
Und so nehmen die Dinge ihren Lauf
Die psychische und körperliche Gesundheit leidet
Paradox, dass der Psychologe die Ausbildung nicht meidet
Denn ohne Existenzsicherung
droht schon bald die eigene Krankschreibung
Die emotionale und finanzielle Last
der Therapeuten in Ausbildung ist wirklich krass!
Und von außen immer Verwunderung:
“Das tust du dir an?”
Nun hat der müde Psychologe
schließlich die Approbation erreicht
Stolz hält er die Urkunde
und fühlt sich kurz ganz leicht
Wie eine Feder…
Die Freude kommt wieder
“Ihr kriegt mich nicht nieder!”
… nur vielleicht
Denn wieder geht es weiter:
Nach jahrelanger Ausbeutung, fehlt der Kassensitz,
die Krone der Therapie-Schöpfung
Nochmal fünfzigtausend Euro schürfen
um Kassenpatienten behandeln zu dürfen
Der Psychotherapeut schluckt wieder schwer:
„Wo nehm‘ ich nur schon wieder die Kohle her?
Erspartes ist mir nicht geblieben
Wär’ ich nach dem Master besser ausgestiegen?
Nagut, nehm ich wieder ‘n Kredit
Mir geht es ja immer noch nicht um Profit
Mir geht es darum, Menschen zu helfen
Chancengleichheit sollte auch im Gesundheitssystem gelten!”
Es kann doch nicht sein, dass adäquate Behandlung
Am Ende abhängt vom Patienteneinkommen
Ich will nicht nur Selbstzahler nehmen
Sondern alle Menschen mit psychischen Problemen
Dafür gibt’s doch das Solidarsystem!
Fleißig arbeitet der approbierte Kollege
entdeckt immer wieder neue Wege
um auf das Individuum einzugehn’
Menschen in schwersten Krisen beizustehn’
Sie rettet Leben
Er sichert Arbeitskraft
Sie will weitergeben
Was den Menschen gesünder macht
Er will auch dir beistehen, wenn du ihn brauchst
…und wenn seine Warteliste es erlaubt
Denn das ist ein weiteres Problem!
was soll mit psychisch Kranken ohne Therapieplatz geschehen?
Psychische Krankheiten prägen ganze Familien und Biografien
Psychischen Krankheiten kann man sich nicht einfach entziehen
Wenn du ambulant keine Hilfe erhältst
dich jeden Tag mit Depressionen quälst
Musst du wahrscheinlich irgendwann in die Klinik gehen
Die teuerste Hilfe im Gesundheitssystem!
Mach‘ es trotzdem, geh’ dorthin
Kein Mensch kann schwere Krankheit allein durchstehen!
Deshalb stellt sich politisch die Frage
sind wir in Deutschland nicht in der Lage
langfristig und im Sinne der Menschen zu denken?
Wollen wir stattdessen die Chance verschenken
die Kliniken und Krankenhäuser zu entlasten
uns konstruktiv mit ambulanter Psychotherapie zu befassen?
Was es braucht sind faire Löhne
für Psychotherapeuten in Ausbildung aus dem alten System
Darüber hinaus konkrete Pläne
für Psychotherapeuten aus dem neuen System
Stattdessen beschließt der GKV-Spitzenverband
Honorarkürzungen für Therapeuten kurzerhand?
Neuer Druck und Verzweiflung
für Therapeuten in Ausbildung
und jene, die es gern‘ werden wollen
allerdings weiterhin rumdümpeln sollen
Die Weiterbildung nach PsychThG-Reform
wär’s nicht fatal, hätten wir die verlorn‘?
Denn weiterhin will niemand bezahlen
was sie bislang fürs Gesundheitssystem stahlen
von jungen Menschen mit großem Herz
Idealen, Werten, keiner Angst vor Schmerz
Während andere in die Altersvorsorge einzahlen
bin ich selbst mein einziges Kapital
Denn die Ressourcen, die ich hab‘
gebe ich tagtäglich dafür ab
Anderen helfen zu dürfen.
Ich wünschte, Politiker schluckten schwer
und fragten sich: “Wo kommt die Kohle her?
Bislang nur aus privater Tasche?
Das ist eine unfaire Sache!
Psychotherapeutinnen wollen doch keinen Profit
Wird Zeit, dass es in der Politik
mehr Unterstützung für angehende Therapeuten gibt!”
© 2026. Hilke J.

